Warum mir das Fotobuch wichtig ist
Die Leserinnen und Leser meines Blogs wissen, dass mir das gedruckte Bild besonders am Herzen liegt. Ich bin überzeugt, dass die Begegnung mit einem Bild als Print intensiver ist und im Fotobuch aufgrund der Bildfolge eine Wahrnehmung ermöglicht, die digital kaum einzulösen ist. Gerade die Arbeiten, die mir besonders wichtig sind, zeige ich deshalb fast nie in den digitalen sozialen Medien. Mich interessieren Präsentationsformen, die Raum für Konzentration, Reflexion und Haptik lassen: als Print für Sammler, in Ausstellungen oder eben im Fotobuch. So erreiche ich zwar weniger Menschen als online, doch die Tiefe der Begegnung ist mir wichtiger als Reichweite.
Das Fotobuch als eigenständiges Medium
Das Fotobuch ist ein eigenständiger Raum, in dem Bilder eine besondere Form von Präsenz gewinnen. In einer Welt flüchtiger Bildschirmbilder stiftet das gedruckte Buch Nähe, Rhythmus und Konzentration. Jede Seite eröffnet einen neuen Zusammenhang, jede Doppelseite entfaltet ihre eigene Spannung, jede Abfolge verändert die Wahrnehmung der einzelnen Bilder.
Diese Auffassung teile ich mit vielen Menschen aus der Fotografie, darunter Wolfgang Zurborn, eine der profiliertesten Stimmen der deutschen Fotobuchszene. In meinem Interview mit ihm beschreibt er das Fotobuch als Ausdruck einer persönlichen Bildsprache. Im künstlerischen Sinn sei es ein eigenständiges Statement und zwinge „zur Auswahl, zur Konzentration – beim Editieren muss man sich überlegen: Was passiert, wenn zwei Bilder auf einer Doppelseite nebeneinander stehen? Welche Wirkung entsteht?“
Umso dankbarer bin ich, dass Wolfgang Zurborn mich bei meinem Fotobuch IN BETWEEN unterstützt hat – doch dazu später mehr.
Wie andere auf das Fotobuch blicken
Da Bilder heute meist online gezeigt und konsumiert werden, interessierte mich auch, wie andere Menschen aus der Fotoszene auf das gedruckte Fotobuch blicken. Diese Stimmen sind vielleicht nicht repräsentativ, weil sie aus meiner eigenen „Fotoblase“ kommen, aber gerade deshalb aufschlussreich.
Für den Fotografen und Buchautor Ben Hammer steht außer Frage, dass gedruckte Fotografie „immer noch etwas Besonderes“ ist. Sie wirke anders als auf einem leuchtenden Display; Bildbände gäben der Fotografie, so sagt er, „ein echtes reales Zuhause“. In dieser knappen Formulierung steckt bereits viel von dem, was auch mich am Fotobuch interessiert: seine physische Präsenz, seine Dauer und die Möglichkeit, Bildern einen Ort zu geben, an dem sie bleiben dürfen.
Auch der Playboyfotograf und Buchautor Simon Bolz hebt die Eigenständigkeit des Buches als Medium hervor. Für ihn funktioniert es „ohne Strom, ohne Plattform, ohne Algorithmus“; ein Bild, das man anfassen könne, bleibe anders im Gedächtnis als eines, das man wegscrolle. Zugleich verbindet er mit dem guten Fotobuch sehr konkrete Qualitäten: „eine schöne Größe, gutes Papier und natürlich die Qualität der Motive“ — also genau jene materielle und visuelle Sorgfalt, die ein Buch von der Flüchtigkeit digitaler Bildoberflächen unterscheidet.
Noch stärker als inneren Erfahrungsraum beschreibt der Fotobuchsammler und Buchautor Olaf Korbanek das Fotobuch. Ein gutes Fotobuch, sagt er, biete ihm an, sich zu vergessen, Fragen zu servieren oder Gefühle zu offenbaren. Er spricht von einem „inneren Dialog ohne Worte“, den er sonst nur aus Museen kenne. Bemerkenswert ist daran, dass das Fotobuch hier nicht nur als Träger von Bildern erscheint, sondern als ein Medium der Selbstbegegnung: ein Raum, in dem Bilder nicht bloß betrachtet, sondern im Denken und Fühlen weitergeführt werden.
Für den Fotografen und Publizisten Andreas Jorns schließlich ist das Fotobuch, ebenso wie die Ausstellung, essenziell für den Fortbestand der Fotografie. Fotografie, so seine Überzeugung, lebe vom gedruckten Bild und entfalte erst dort ihre Magie in vollendeter Form, weil zum visuellen Eindruck immer auch der haptische — und bisweilen sogar der olfaktorische — Reiz hinzukomme. Dass er so weit geht zu sagen, ohne die Ausdrucksform Bildband würde er mit der Fotografie aufhören, zeigt, welchen Rang das Buch für ihn nicht nur als Präsentationsform, sondern als künstlerische Praxis besitzt.
Was diese Stimmen verbindet
Diese Stimmen unterscheiden sich in ihrer Akzentsetzung, doch sie verweisen auf etwas Gemeinsames: auf die besondere Präsenz des Gedruckten, auf die Materialität des Buches und auf die Möglichkeit, Fotografie jenseits digitaler Beschleunigung zu erfahren. Auch für mich liegt darin etwas Wesentliches, auf das ich nicht verzichten möchte.
Was die hier zitierten Fotobuchautoren außerdem verbindet, ist ihre Rolle als Selbstverleger. Sie treten nicht nur als Urheber ihrer Arbeiten auf, sondern zugleich als deren Herausgeber, Produzenten und Verkäufer. Diese mehrfache Funktion ist auch vor dem Hintergrund eines Marktes zu sehen, der tendenziell eher schrumpft als wächst: Der verlagsgebundene Fotobuchmarkt ist bei den Neuerscheinungen nach meiner Beobachtung eher rückläufig, während die Auflagen kleiner werden. Eine Ausnahme bilden nach wie vor populäre Celebrity-Ausgaben, die weiterhin in hohen Stückzahlen produziert und verkauft werden.
Veränderungen im Fotobuchmarkt
Parallel dazu hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren eine eigenständige Selfpublishing-Szene herausgebildet. In ihr entstehen Bücher in Auflagen von etwa 25 bis 1.000 Exemplaren — Editionen also, die für große Verlage meist kaum wirtschaftlich darstellbar wären. Die Herausgeber treibt dabei in der Regel weniger die ohnehin geringe Aussicht auf Gewinn als vielmehr ihre Leidenschaft für das Medium. Gerade in dieser ökonomischen Randlage eröffnet sich eine besondere ästhetische Freiheit: Wer selbst verlegt, kann das Fotobuch nach eigenen Vorstellungen gestalten und entzieht sich damit zumindest teilweise den Kompromissen des klassischen Verlagswesens. Zugleich liegt im Kleinen ein eigener ideeller Wert. Wo Auflagen begrenzt bleiben, wird das einzelne Buch zu mehr als einem bloßen Produkt: zu einem sorgfältig gestalteten Objekt, das Nähe zwischen Fotograf und Betrachter stiftet. Wer ein solches Exemplar erwirbt, hält daher nicht selten etwas in den Händen, das fast schon Unikatcharakter besitzt.
Vor diesem Hintergrund ist mein eigenes Buchprojekt IN BETWEEN entstanden, um jene Freiheit zu nutzen, die sich jenseits klassischer verlegerischer Vorgaben eröffnet.
Meine fotografische Haltung im Fotobuch
Menschen stehen im Mittelpunkt eines großen Teils meiner Fotografie. Mich interessieren ihre Stärke, Intensität, Würde und Verletzlichkeit. Manche Bilder entstehen aus einer klaren Entscheidung heraus, andere in jenen Zwischenmomenten, in denen Kontrolle nachlässt und etwas Echtes sichtbar wird. Gerade diese Spannung zwischen Präsenz und Offenheit zieht mich an.
Diese Haltung prägt auch mein Fotobuch IN BETWEEN. Als ich begann, das Material für dieses Buch zusammenzustellen, interessierte mich die Frage, was entsteht, wenn die Bilder nicht chronologisch oder sachlich, sondern nach Stimmungen, visuellen Bezügen, Pausen, Wiederholungen und Brüchen geordnet werden. So entstand eine kuratierte Sequenz, in der die Fotografien von 36 Frauen keiner linearen Erzählung folgen. Zwischen Nähe und Distanz, Inszenierung und Authentizität entfaltet sich ein Spannungsfeld, das bewusst offenbleibt. Stimmungsbilder und florale Motive ergänzen diese Folge, ohne sie zu illustrieren: Sie schaffen Atemräume, stellen leise Verbindungen her und regen Assoziationen an.
Warum ich fast nichts in sozialen Medien zeige
In einer Zeit, in der Bilder oft nur für Sekundenbruchteile wahrgenommen und auf Smartphones zu kleinen, flüchtigen Ansichten werden, ist ein Fotobuch eine bewusste Einladung zur Entschleunigung. Die meisten Fotografien sind außerhalb dieses Buches nicht zu sehen. Wer sich darauf einlässt, kann sich Zeit nehmen, eigene Verbindungen zwischen den Bildern entdecken und vielleicht sogar innere Geschichten entstehen lassen. Gerade darin liegt für mich eine besondere Qualität des Fotobuchs: Es eröffnet einen Raum, in dem im besten Fall ein eigenes inneres Kino entstehen kann.
Mein Buch
IN BETWEEN, mein neues Fotobuch, ist im Format 24 × 30 cm mit 256 Seiten. Es wurde in Deutschland auf hochwertigem 150-g-Papier gedruckt und mit Fadenbindung sowie Hardcover ausgestattet. Die Fotografien sind farbig und in Schwarz-Weiß. Weil es in diesem Buch so viel zu entdecken gibt, dass man es wohl öfter in die Hand nehmen wird, ist es mit einem Lesebändchen versehen.
Neben der Standardausgabe gibt es zudem eine Collector’s Edition mit signiertem Print, die auf drei Exemplare begrenzt ist. Sie bietet die Möglichkeit, die Welt dieses Buches nicht nur im Sequenziellen, sondern zusätzlich in der konzentrierten Präsenz eines einzelnen Bildes weiterzuführen.