„Abstraktion öffnet einen Raum für die eigene Vorstellungskraft.“ - Die Fotografin Jessica Backhaus im Gespräch mit Thomas Berlin

Jessica Backhaus

Jessica gehört zu den markanten Stimmen der zeitgenössischen Fotografie. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen Beobachtung und Konstruktion, zwischen Materialität und fotografischer Transformation. Im Dialog mit Thomas Berlin spricht sie über ihre fotografische Haltung, Bücher als sinnliche Objekte, über Papier als künstlerisches Material, über Intuition und Kontrolle, über Resonanz beim Publikum und über eine prägende Freundschaft.

Foto: © Ilaria Turba



Thomas Berlin: Hallo Jessica, ich habe dein Buch „A Trilogy“ mitgebracht. Ein Buch, bei dem es Spaß macht, es einfach anzufassen, weil die Haptik sehr gelungen ist …

Jessica Backhaus: … ja, das war auch eine ganz besondere Zusammenarbeit mit der Grafikdesignerin Hannah Feldmeier in Leipzig. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir schon mehrere Bücher zusammen gemacht, aber ich wollte das klassisch Konservative irgendwann ein wenig aufbrechen. Und wir haben uns dann überlegt – was bei dieser Trilogy auch sehr passend war –, ein Buch zu konzipieren, in dem es drei verschiedene Papiere gibt, also für jede Serie ein eigenes. Ich mag auch, dass man das Buch aufschlägt und sofort in einer Farbwelt ist. Deine Aussage zur Haptik verstehe ich, denn schon die Art, wie es sich öffnet, ist Teil des Erlebnisses. Ich glaube, es ist eines meiner Lieblingsbücher.

Thomas Berlin: Das Buch habe ich in deiner aktuellen Ausstellung in Fotografie Forum Frankfurt entdeckt. Da war gerade ein Kunstleistungskurs einer Schule dort, und es hat mir gefallen, wie spielerisch die da vorgegangen sind. Die haben beispielsweise vor die abstrakten Bilder irgendwelche Gegenstände gehalten und haben das dann fotografiert. Das heißt, die haben quasi deine Kunstwerke mit eigenen Ideen kombiniert.

Jessica Backhaus: Das ist toll! Ich finde überhaupt schon schön, dass Lehrer entscheiden, mit ihrem Kunstleistungskurs in eine Ausstellung zu gehen. Und dass die dann noch so kreativ darauf reagieren, finde ich besonders. Menschen auf eine spielerische Weise heranzuführen, gefällt mir sehr.

Thomas Berlin: Die Bilder hatten ihre Wirkung. Und ich sage das deshalb, weil das aus meiner Sicht eines der großen Komplimente ist, die man Künstlern machen kann: wenn die Bilder irgendetwas auslösen.

Jessica Backhaus: Ja, wenn jemand kreativ arbeitet, sei es in Musik, Theater, Film, Fotografie oder Malerei, und mit dem, was er schafft, Menschen bewegen oder berühren kann, wenn also eine Resonanz entsteht, dann ist das wahrscheinlich das Schönste überhaupt.

Zwischen Figuration und Abstraktion

Thomas Berlin: Jessica, du bist bekannt für deine poetische Bildsprache, und ich denke dabei an Farbe, Licht, ungewöhnliche Perspektiven, aber auch an deinen Blick auf alltägliche Gegenstände, die vielleicht aus einer unerwarteten Perspektive gezeigt werden. So habe ich deine Bilder bisher wahrgenommen. Du hast international hohe Anerkennung durch Ausstellungen in renommierten Institutionen. Aber wie würdest du selbst deinen Blick auf die Fotografie und dein Werk jemandem beschreiben, der deine Bilder gar nicht gesehen hat und der nichts von dir weiß?

Cut Out 46, 2020 © Jessica Backhaus

Jessica Backhaus: Das ist eine interessante Frage. Wenn ich reise und Menschen begegne und in einem Gespräch zur Sprache kommt, dass ich Fotografin bin, dann fragen die Leute meistens: „Was fotografierst du?“ Viele denken sofort an Fotojournalismus, Magazine, Werbung oder Mode. Und dann sage ich immer: Nein, ich mache nur sehr selten Auftragsarbeiten, sondern arbeite eher in einer künstlerischen Richtung. Dann kommt oft die nächste Frage: „Wie kann man sich deine Arbeiten vorstellen?“ Ich sage dann meist, dass ich am Anfang eher figurativ, also gegenständlich gearbeitet habe und in den letzten vielleicht zehn Jahren immer mehr in die Abstraktion gegangen bin. Wenn dann noch mehr Neugier da ist, erzähle ich, dass ich in dieser Phase das Material Papier für mich entdeckt habe, weil ich es unglaublich faszinierend finde. Eigentlich arbeite ich mit sehr einfachen Mitteln: farbigem Papier in verschiedenen Grammaturen und der Sonne. Mehr ist es im Grunde nicht. Es ist sehr reduziert.

Thomas Berlin: Genügt den Menschen diese Erklärung?

Jessica Backhaus: Oft noch nicht. Viele Menschen können das zunächst kaum glauben. Wenn ich ihnen Bilder zeige, denken sie oft, das seien Collagen oder Gemälde oder sogar Malerei. Sie sind irritiert und fragen: „Ach, das ist auch Fotografie?“ Wenn ich deine Frage ganz direkt beantworten soll, würde ich sagen, dass ich mich in einem Spannungsfeld zwischen Figuration und Abstraktion bewege. So empfinde ich es, und so hat sich meine Arbeit auch entwickelt. Ich möchte mich nicht für nur eine Richtung entscheiden. Die Serien, die ich in den letzten Jahren entwickelt habe – „Cut Outs“, „Plein Soleil“ oder „Papyrus“ –, entstehen auf eine ganz andere Weise als etwa die früheren Serien „The Nature of Things“, „Once, Still and Forever“ oder „Six Degrees of Freedom“. Bei den früheren Serien nehme ich auf, was ich vorfinde. Bei den neueren Arbeiten kreiere ich die Bilder aus dem Nichts. Sie existieren vorher nicht. Sie entstehen aus meinem Inneren heraus, indem ich mit dem Material arbeite, Papier schneide, mit Messer oder Schere Formen entwickle und dann daraus etwas entstehen lasse.

Das sind zwei völlig unterschiedliche Arbeitsprozesse. Aber ich merke immer wieder: Ich brauche beide Welten. Ich könnte nicht nur in einer einzigen sein, weil ich die unterschiedlichen Herausforderungen sehr schätze. Das hält etwas in Bewegung. Man wird nicht festgefahren. Für mich ist es wichtig, mich weiterzuentwickeln. Viele Menschen machen eine Sache und bleiben dabei, und das ist völlig in Ordnung. Aber ich selbst bin ein sehr neugieriger Mensch und möchte mich weiterentwickeln und neue Welten entdecken.

Thomas Berlin: Vielleicht sind manche Künstler auch ängstlich, etwas, das funktioniert, zu verändern. Sie haben vielleicht nicht den Mut, etwas Neues zu machen oder etwas Neues zu zeigen, weil sie nicht wissen, wie es ankommt.

Jessica Backhaus: Ja, jeder hat da seine ganz eigenen Vorgänge, Ansprüche und Ängste. Der kreative Prozess ist etwas sehr Individuelles und Persönliches. Aber ich schätze dieses Ungewisse sehr – einfach zu sehen: Wie geht es weiter? Oder: Das habe ich noch überhaupt nicht gemacht. Viele Dinge entstehen auch durch Zufall, oder man entdeckt etwas, das man vorher gar nicht gesehen hat. Da gibt es sehr viele verschiedene Wege.

Wie Projekte entstehen

Thomas Berlin: Über dein Stichwort Zufall sprechen wir sicherlich bei deinem Projekt „Cut Outs“ gleich noch mal. Aber zunächst zu den verschiedenen Wegen: Woher kommt deine Inspiration eigentlich? Was ist zuerst da? Ein Thema, ein Ort, oder hast du auf einmal ein Interesse an einer besonderen Farbe oder an einem Material?

Jessica Backhaus: Ich glaube, ich bin grundsätzlich ein sehr offener und neugieriger Mensch. Ich liebe es, immer wieder in neue Welten einzutauchen, Dinge zu entdecken und mir keinen blasierten Blick auf die Welt anzugewöhnen. Ich schätze das Fremde, das, was ich nicht kenne, und taste mich dann langsam heran. Als ich „A Trilogy“ beendet hatte, also den letzten Teil dieser Trilogie, habe ich zum ersten Mal Collagen gemacht, und das hat mich sehr gepackt. Danach wollte ich weiter in diese Richtung arbeiten. Mehr oder weniger durch Zufall sind dann die „Cut Outs“ entstanden. Ich war von diesem ersten Ansatz, mich mit dem Material Papier auseinanderzusetzen, sofort fasziniert. Insofern kann man sagen: Ja, es waren die Farben, es war das Material, es war das Papier. Und es war auch diese ganz andere Arbeitsweise im Vergleich dazu, wenn ich etwas dokumentiere oder festhalte, das mich bewegt.

Natürlich gibt es auch Themen. „Once, Still and Forever“ zum Beispiel entstand, als ich nach Deutschland zurückkam. Ich war ja 22 Jahre weg.

Thomas Berlin: Das sind die Stillleben.

Jessica Backhaus: Genau, die Stillleben in „Once, Still and Forever“. Das war eine sehr herausfordernde Zeit für mich, weil ich nach Deutschland zurückkam, mich hier aber nicht wirklich zu Hause fühlte und zugleich auch in New York nicht mehr zu Hause war. Ich befand mich zwei, drei Jahre lang in einer Art Zwischenraum, fast wie in einem Niemandsland. In dieser Zeit habe ich mich sehr bewusst mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt, mit der Gegenwart, und ich war auch neugierig auf die Zukunft. Aus dieser Situation heraus sind die Stillleben entstanden, als eine Art Metapher für die verschiedenen Emotionen, die ich damals hatte.

Beyond Seeing, 2012 © Jessica Backhaus

Thomas Berlin: Welches Projekt hat noch einen Themenbezug?

Jessica Backhaus: Auch bei „Six Degrees of Freedom“ war das so – ein Projekt, das stark an meine Biografie angelehnt ist und von Herkunft, Wurzeln und Identität handelt. Dann ist zuerst eine Idee da, etwas, das mich bewegt und dem man bestimmte Themen zuordnen kann. Und das Projekt entwickelt sich dann mit der Zeit. Ich bin keine Fotografin, die eine Liste schreibt: Das und das möchte ich fotografieren. Ich lasse mich eher auf das Projekt ein. Manchmal gibt es Umwege, manchmal komme ich auf eine ganz andere Fährte. Aber ich bin eigentlich immer offen dafür, diese unbekannten Wege zu gehen.

Thomas Berlin: Deine Arbeiten sind vielfältig. Deshalb würde mich interessieren, wie ein Projekt bei dir seinen Anfang nimmt: Steht am Beginn bereits ein Thema oder sogar ein Titel, und du suchst dann gezielt nach Motiven? Oder fotografierst du zunächst intuitiv, und erst später fügt sich beim Blick ins Archiv alles zu einer Werkgruppe zusammen? Gerade bei den Stillleben oder bei „Six Degrees of Freedom“ scheint der Prozess ja eher zu wachsen, als dass er sich von Anfang an festlegen ließe.

Jessica Backhaus: Es sind eigentlich genau die beiden Varianten, die du gerade beschrieben hast. Bei „Six Degrees of Freedom“ wusste ich von Anfang an, dass ich mich dieser Thematik widmen möchte, weil das sehr eng mit meinem damaligen Leben verbunden war. Und dann stellt sich natürlich die Frage: Wie entsteht so ein Projekt? In solchen Zeiten bin ich sehr wach und beobachte genau, was um mich herum passiert.

Bei „Six Degrees of Freedom“ habe ich intuitiv gespürt, dass ich bestimmte Dinge verändern möchte. Bis dahin hatte ich mir nie erlaubt, in eine Situation einzugreifen. Wenn ich ein Stillleben fotografierte, nahm ich es so auf, wie ich es vorfand. Natürlich wählte ich meinen Blickwinkel, aber ich griff nicht ein. Und irgendwann dachte ich: Ich möchte einmal sehen, was passiert, wenn ich selbst ein Stillleben kreiere.

You will see, 2014 © Jessica Backhaus

Während dieser Arbeit kamen Dinge auf mich zu. Ich gehe zum Beispiel sehr gern auf Flohmärkte – schon seit meiner Kindheit – und habe inzwischen so etwas wie einen Scannerblick entwickelt. Eines Tages sah ich aus dem Augenwinkel einen Papierbeschwerer. Ich ging hin und dachte noch: Es wäre verrückt, wenn der etwas mit mir oder meiner Arbeit zu tun hätte. Und tatsächlich war darauf die „Alte Liebe“ abgebildet, ein Bootssteg in Cuxhaven, also in der Stadt, in der ich geboren wurde. Es war ein wunderschönes Objekt. Aus irgendeinem Grund habe ich es zunächst nicht gekauft, war dann aber zu Hause fast in Panik und dachte: Warum habe ich das nicht mitgenommen? Also bin ich am nächsten Wochenende wieder hin, hatte Glück, dass die Frau ihn noch hatte, und kaufte ihn.

Dann stellt sich natürlich die Frage: Was macht man jetzt damit? Ich versuchte, ihn in Szene zu setzen, denn in dieser Arbeit wollte ich auch selbst Arrangements und Stillleben schaffen. Sehr schnell merkte ich aber, dass ich daran scheiterte, weil die Ergebnisse für mich langweilig und oberflächlich waren und mich nicht berührten. Also wusste ich: Wenn es ums Arrangieren geht, bin ich nach meinem eigenen Maßstab nicht besonders gut. Deshalb fotografierte ich bestimmte Objekte, die zu mir kamen, ganz minimalistisch vor einem Hintergrund, oft mit Sonnenlicht.

Insofern ist es wirklich beides, was du beschrieben hast: Man hat eine Idee, und dann findet man Motive. Und manchmal, wenn man eine große Menge an Bildern gesammelt hat und später wieder in sein Archiv schaut – dieser Prozess dauert ja oft Monate oder Jahre –, entdeckt man etwas neu. Bilder, die man zunächst beiseitegelegt oder gar nicht beachtet hat, erscheinen plötzlich in einem anderen Licht. Deshalb ist nicht nur wichtig, was während des Fotografierens passiert, sondern auch alles, was danach kommt: wie man die Beziehung zu den eigenen Bildern weiterführt. Dieses Editieren ist ein ganz wesentlicher Teil. Im Idealfall macht man auch noch die eigenen Prints, weil dadurch eine weitere Ebene der Beziehung zur eigenen Arbeit entsteht.

Die Projekte

Thomas Berlin: Kommt der Titel einer Serie oder eines Projekts am Anfang oder erst am Ende, wenn du das Ergebnis zusammengestellt hast?

Jessica Backhaus: Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal ist er von Anfang an da, meistens entsteht er aber eher im Verlauf der Arbeit. Bei „Six Degrees of Freedom“ war es so, dass ich diesen Titel in einem Buch entdeckt hatte. Das ist ein Ausdruck aus der Seefahrt. Er beschreibt die verschiedenen Bewegungen, die ein Schiff macht, um vorwärtszukommen.

Thomas Berlin: Ich wollte gerade nach dem Hintergrund des Titels fragen.

Jessica Backhaus: Ich finde es einen wunderbaren Titel, auch weil mein Großvater Seefahrer war und ich in Cuxhaven geboren bin.

Untitled, 2023 © Jessica Backhaus

Thomas Berlin: Seefahrt ist also nicht ganz fern. Wie viele Projekte laufen denn bei dir typischerweise parallel? Du wirst ja vielleicht immer gleichzeitig an unterschiedlichen Themen arbeiten.

Jessica Backhaus: Meistens sind es zwei. Manchmal ist es aber auch nur ein Projekt, auf das ich meinen ganzen Fokus richte. Bei meiner aktuellen Arbeit „Papyrus“ war es so, dass ich zunächst noch parallel an etwas anderem gearbeitet habe und dann durch Zufall auf etwas gestoßen bin, bei dem ich sofort wusste: Darauf möchte ich mich konzentrieren. Diese Arbeit nahm dann so viel Raum ein, dass ich in diesen anderthalb, fast zwei Jahren eigentlich nichts anderes gemacht habe. Aber ansonsten sind es oft zwei Projekte. Und wie ich schon sagte: Ich mag diese Bewegung zwischen etwas sehr Abstraktem und dem Figurativen. Nach einer Phase, in der ich sehr abstrakt arbeite, brauche ich wieder das Hinausgehen in die Welt, das Schauen, was mich bewegt und fasziniert.

Thomas Berlin: So etwas Abstraktes wie „Cut Outs“ – ist das ein Projekt, das jetzt abgeschlossen ist? Wann ist ein Projekt für dich fertig?

Jessica Backhaus: Das spürt man. Bei „Cut Outs“ war es so, dass ich mich über einen längeren Zeitraum fast ausschließlich dieser Arbeit gewidmet habe. Und nach zwei oder drei Jahren merkt man irgendwann, dass ein Projekt abgeschlossen ist, weil diese Auseinandersetzung sehr intensiv ist.

Thomas Berlin: Du spürst das, weil du keine neuen Ideen mehr entwickelst oder denkst, du hast eigentlich schon alles ausprobiert oder vielleicht das Interesse verloren?

Jessica Backhaus: Man spürt es, wenn man bestimmte Szenarien durchlaufen hat und merkt, dass man beginnt, sich im Kreis zu drehen. Bei „Cut Outs“ war es ja das erste Projekt, bei dem ich mit Papier gearbeitet und mich mit diesem Material und dieser Arbeitsweise auseinandergesetzt habe. Ich habe die Formen ausgeschnitten, sie in der Sonne ausgelegt, und dann haben sie sich verformt.

Thomas Berlin: Wir hatten Cut Outs schon vorhin erwähnt, und ich wollte in diesem Zusammenhang gerne auf das Stichwort Zufall zurückkommen…

Jessica Backhaus: … genau! Am Anfang wollte ich alles ganz minimalistisch halten. Aber an dem Tag, an dem ich beginnen wollte, war ich zum Glück – im Nachhinein wirklich zum Glück – sehr langsam mit meiner Kamera und brauchte eine Weile, bis alles aufgebaut war. Das Papier war fragil und transparent, und die Sonne hat es gewölbt. Dadurch entstanden beinahe kleine Papierskulpturen. Zuerst war ich entsetzt über die Schatten und dachte: Das geht überhaupt nicht, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Dann habe ich weiter experimentiert und gemerkt, dass genau diese Spannung zwischen Licht und Schatten die Arbeit lebendig macht. Ohne die Schatten wäre es eine völlig andere Arbeit geworden.

Cut Out 30, 2020 © Jessica Backhaus

Thomas Berlin: Mir kommt es so vor, als hättest du bei dem Projekt durch die Wölbung, die durch die Sonne entstanden ist, erst einmal die Kontrolle verloren, dann aber eigentlich das Geschenk gesehen, das du dadurch bekommen hast.

Jessica Backhaus: Ja, man möchte in vieler Hinsicht immer viel kontrollieren. Aber das Schöne ist eben auch, zu entdecken, dass man die Kontrolle loslassen muss, weil nur dadurch etwas wirklich Lebendiges entstehen kann. Ich bin sehr froh, dass ich nicht stur geblieben bin, sondern mich für etwas geöffnet habe, das ich gar nicht erwartet hatte. Denn genau das, was dann geschah, machte die Arbeit aus. Es war völlig unvorhersehbar. Je nachdem, wie ich die Formen geschnitten hatte, entstanden andere Schatten. Dazu kamen Jahreszeit und Tageszeit. Jedes Mal war es wieder ein neues Erlebnis. Aber irgendwann merkt man, wenn man seine Runden gedreht hat und beginnt, sich im eigenen Kreis zu drehen.

Thomas Berlin: Ich finde es bei künstlerischen Projekten wichtig, dass man irgendwo auch mal eine Tür schließt, weil sich dann eben eine andere öffnet.

Jessica Backhaus: So ist es! Es ist wie im Leben: Eine Tür schließt sich, eine andere öffnet sich.

Thomas Berlin: Das Ende von etwas, sage ich immer, ist auch der Anfang von etwas Neuem oder zumindest die Chance auf etwas Neues.

Jessica Backhaus: Genau so ist es auch in der Kunst.

Thomas Berlin: Fotografierst du auch ohne Projekt? Einfach aus Leidenschaft?

Jessica Backhaus: Ja, natürlich gibt es auch Momente, die ich einfach für mich persönlich festhalte. Das sind dann eher Schnappschüsse, Dinge, die nur für mich da sind, weil ich mich an etwas erinnern möchte.

Thomas Berlin: Also nicht so, dass du fotografierst und irgendwann mit zeitlichem Abstand in dein Archiv schaust und sagst: Daraus baue ich jetzt ein Projekt.

Jessica Backhaus: Das kann passieren, aber eigentlich bin ich schon sehr fokussiert auf meine Projekte.

Thomas Berlin: Mich interessiert, woran du erkennst, dass ein Bild nicht nur als Einzelbild funktioniert, sondern auch innerhalb eines Projekts seinen Platz hat. Im Grunde ist das ja dieselbe Frage, die sich später bei der Buchgestaltung noch einmal stellt.

Jessica Backhaus: Das ist etwas, das ich sehr schätze. Wenn man fotografisch arbeitet, welche Möglichkeiten hat man? Man kann einen Raum bespielen, also eine Ausstellung machen, in der man Werke unmittelbar erfahren kann – je nachdem, wie man sie zeigt, rahmt oder installiert. Und dann gibt es diese wunderbare Publikationsform: das Buch! Für mich ist das Buch oft die Vollendung eines Projekts, weil man darin die ganze Geschichte erzählen kann. Es ist auch ein Objekt, das bleibt. Eine Ausstellung kommt und geht, und man zeigt dort immer nur eine bestimmte Auswahl.

Timeless, 2012 © Jessica Backhaus

Thomas Berlin: Für mich ist das Fotobuch die Königsklasse der Bildpräsentation. Gleichzeitig mag ich aber auch die unmittelbare Erfahrung von Bildern an der Wand — selbst dann, wenn eine Ausstellung zwangsläufig nur einen verdichteten Ausschnitt des Werks zeigen kann.

Jessica Backhaus: Ich träume manchmal davon, eine Ausstellung zu machen, in der – wenn es sinnvoll ist – die ganze Bandbreite eines Projekts sichtbar werden kann. Aber das wäre dann wieder eine eigene Form. Ausstellung und Buch funktionieren sehr unterschiedlich. Ich liebe das Buch als Abschluss, obwohl man natürlich auch dort eine Auswahl treffen muss. Was kommt hinein, was nicht? In dieser Gestaltungsphase steckt ein langer Prozess: Choreografie, Dramaturgie, die Frage, was hinein- und was herausgenommen wird, wie eine Geschichte erzählt wird.

Um deine Frage zu beantworten, wann ein Bild in einem Projekt funktioniert: Ich gehe da sehr stark nach meinem Gefühl. Natürlich bin ich, wie wahrscheinlich jeder, kritisch gegenüber meinen eigenen Arbeiten. Aber man spürt, welche Bilder in die finale Auswahl gehören. In meinem Fall ist es außerdem so, dass ich seit vielen Jahren mit der Grafikerin Hannah zusammenarbeite. Sie ist ein wunderbares Gegenüber, weil sie mich und meine Arbeit so gut kennt. Es ist sehr schön, sich mit ihr auszutauschen und über Bilder zu sprechen, bei denen sie vielleicht sagt: Nein, das würde ich nicht hineinnehmen, während ich denke: Doch, gerade das. Daraus entstehen interessante Dialoge. Hannah arbeitet in dieser Endphase ganz eng mit mir zusammen, wenn es darum geht, zu entscheiden, welche Arbeiten in ein Buch kommen. Im Idealfall ist ein Bild eines, das vollkommen für sich steht – und wenn es dann auch noch im Gesamtkontext funktioniert, umso besser.

Ist das noch Fotografie?

Thomas Berlin: Gerade bei „Cut Outs“ und deinen anderen Papierarbeiten frage ich mich, ob der Begriff Fotografin überhaupt noch ausreicht. Denn die Kamera wirkt hier fast eher wie ein dokumentarischer Zeuge dessen, was du zuvor mit Papier, Collage und Komposition entwickelt hast. Den Schwerpunkt des künstlerischen Akts sehe ich eher vor der fotografischen Aufnahme.

Jessica Backhaus: Ja, ich bin Fotografin. Ich arbeite mit meiner Kamera. Aber es ist schon interessant, gerade wenn man sich die „Papyrus“-Arbeiten anschaut: wie ich dort Schichtungen und Zusammensetzungen entwickle, wie ich diese Arbeiten aus dem Nichts kreiere und Kompositionen orchestriere. Und dann halte ich das mit der Kamera fest. Das ist das Medium, mit dem ich mich ausdrücke. Aber ich glaube auch, dass das, was dahintersteht, komplexer ist.


Was Bilder auslösen


Thomas Berlin: Manche deiner Arbeiten sehen auf den ersten oberflächlichen Blick gar nicht aus wie Fotos.

Jessica Backhaus: Das stimmt, Menschen glauben oft gar nicht, dass es Fotografie ist. Sie denken eher an Malerei oder können gar nicht richtig einordnen, was sie da sehen. Ich erinnere mich an eine Ausstellung in Vilnius. Die Galerie, in der ich eingeladen war, war eher für schwarz-weiße dokumentarische Fotografie bekannt. Zur Vernissage kam eine Frau herein und war regelrecht entsetzt. Ich zeigte dort die „Cut Outs“, und sie war überzeugt, am falschen Ort zu sein. Sie regte sich darüber auf, was sie dort sah, und meinte, das habe nichts mit Fotografie zu tun.

Die Galerieleiterin versuchte, ihr eine kleine Einführung zu geben. Die Frau sagte dann, sie werde es sich jetzt noch einmal ansehen. Nach einer Viertelstunde kam sie zurück. Es war interessant, weil man, sobald man mit seinen Arbeiten in die Öffentlichkeit geht, mit allen möglichen Reaktionen rechnen muss. Die Menschen mögen eine Arbeit, sie finden sie langweilig oder irrelevant – alles ist möglich. Jeder bringt seine eigenen Gedanken mit. Man braucht da schon ein dickes Fell.

Ich fand ihre erste Reaktion aber vollkommen legitim und habe mich gar nicht darüber aufgeregt. Später kam sie zu mir, griff nach meiner Hand und entschuldigte sich. Sie sagte, sie sei zunächst empört gewesen und habe überhaupt keinen Zugang gefunden. Aber nachdem sie sich die Arbeiten in Ruhe angesehen und einfach geschaut habe, was sie mit ihr machen, habe sie gemerkt, dass das für sie viel mehr seien als Fotografie. Sie sagte, die Arbeiten hätten ihr Herz berührt. Das war sehr bewegend.

Ein Augenblick, 2015 © Jessica Backhaus

Thomas Berlin: Gerade die Reaktion dieser Dame ist doch interessant. Langweilig finde ich eher, wenn jemand nur kurz durchgeht und wieder geht, ohne dass die Arbeiten überhaupt etwas auslösen. Welche Wirkung entfalten deine Arbeiten sonst? Nimmst du das manchmal wahr?

Jessica Backhaus: Ja, manchmal bei Vernissagen oder auch bei Führungen, wenn Menschen danach noch mit mir sprechen möchten. Meistens geht es dabei tatsächlich um Emotionen. Sehr stark habe ich das nach der Pandemie gemerkt. Ich hatte die „Cut Outs“ in Arles in einer Galerie gezeigt, und das war die erste Eröffnung, bei der Menschen wieder zusammenkommen konnten. Mir war damals gar nicht bewusst, was diese Arbeiten auslösen würden. Natürlich war ich sehr aufgeregt, wie immer, wenn man eine Arbeit zum ersten Mal öffentlich zeigt. Aber die Reaktionen waren unglaublich. Vielleicht lag es auch an der Einsamkeit, die alle vorher erlebt hatten, aber die Menschen waren sehr emotional. Es gab beides: echte Euphorie, Begeisterung, und zugleich Menschen, die zutiefst melancholisch reagierten und Tränen in den Augen hatten. Es ist sehr unterschiedlich.

Thomas Berlin: Das ist spannend, was etwas bewirken kann, gerade bei Arbeiten, bei denen man sich das Narrativ ja erst einmal selbst überlegen muss – wenn man überhaupt in solchen Kategorien denkt.

Jessica Backhaus: Genau, und wenn ich jetzt mit etwas Abstand an die Vernissage im Fotografie Forum Frankfurt Ende Januar zurückdenke, dann war das ebenfalls eine ganz besondere Atmosphäre. Diese Vernissage hat mich sehr bewegt. Es ist immer ein besonderer Moment, Arbeiten zu zeigen und mit anderen Menschen zu teilen, aber an diesem Abend war die Stimmung wirklich außergewöhnlich. Eine ehemalige Studentin von mir war auch da, die ich seit vielen Jahren in einem Mentorenprogramm begleitet hatte. Sie ist mittlerweile selbst Künstlerin und lebt in Süddeutschland und war extra angereist. Du weißt ja, wie das auf einer Vernissage ist: Man spricht hier ein bisschen, kommt in ein nächstes Gespräch und ist in einem gewissen Rausch. Später habe ich noch einmal mit ihr gesprochen, und sie sagte, nicht nur die Arbeiten hätten sie bewegt, sondern vor allem auch die Menschen, die sie beobachtet habe – wie sie auf die Bilder reagierten und was das in ihnen auslöste. Sie hatte das Gefühl, dass da wirklich etwas bei den Menschen passiert ist. Wenn eine solche Resonanz entsteht, kann man eigentlich nur dankbar sein.


Abstraktion als offener Raum

Thomas Berlin: Wenn Menschen deine Bilder betrachten, entwickeln sie dann ein eigenes Narrativ? Oder sind es vor allem Form und Farbe, die unmittelbar auf sie wirken und etwas in ihnen auslösen – oder eben nicht?

Jessica Backhaus: Ich wünsche mir immer, dass Menschen meinen Arbeiten mit Offenheit begegnen. Wir bringen uns ja selbst mit, und die Reaktion auf eine Arbeit ist oft auch eine Reflexion unserer eigenen Verfassung. Es hängt davon ab, wo wir innerlich gerade stehen, in welcher Stimmung wir sind, ob wir offen und aufnahmefähig sind oder eher verschlossen. Vieles hat also mit dem Betrachter selbst zu tun. Findet man einen Zugang? Hat man keinen? Versteht man etwas oder eben nicht? Das habe ich in den letzten Jahren besonders stark bemerkt, je mehr ich in die Abstraktion gegangen bin. Bei der Serie „The Nature of Things“ gibt es zum Beispiel ein Bild, vor dem viele Menschen vollkommen perplex stehen und nicht wissen, was es ist.

Thomas Berlin: Das ist die Serie mit den farbigen Passepartouts …

Jessica Backhaus: Genau. Und da gibt es eine Arbeit mit einem blauen Kreis, ein blauer Kreis mit einem salbeigrünen Passepartout. Als ich die Serie in Mougins in Frankreich ausgestellt habe, gab es eine Führung, bei der auch die stellvertretende Bürgermeisterin anwesend war. Sie sagte zu mir: „Sie müssen mir erklären, was das ist.“ Sie war regelrecht nervös und meinte, sie könne sich auf die Arbeit nicht einlassen, solange sie nicht verstehe, was sie da sieht. Ich fragte sie: „Möchten Sie das wirklich wissen?“ Und sie sagte: „Ja, bitte.“ Am Ende habe ich es ihr dann erklärt. Es handelt sich um einen chinesischen Tee, eher wie eine Wurzel oder Pflanze. Wir hatten heißes Wasser darüber gegossen, und dabei entstand ein unglaublich intensives Blau. Das faszinierte mich so sehr, dass ich mit der Kamera praktisch in die Tasse, in den Dampf hinein fotografierte. So ist diese Abstraktion entstanden.

Thomas Berlin: Also dieser Tee würde mich interessieren, den würde ich allein wegen der Farbe gern mal trinken. Aber bei dem Bild sehe ich es eigentlich anders als die französische Dame, mit der du gesprochen hast. Ich möchte in diesem Fall gar nicht wissen, was es ist. Das engt mich doch in meiner Vorstellungskraft sofort ein.

Jessica Backhaus: Ich bin ganz deiner Meinung. In dem Moment, in dem ich ihr erklärte, was sie sieht, war sie richtig erleichtert. Es war, als würde eine Last von ihr abfallen, und erst dann konnte sie das Bild genießen. Ich finde das interessant, weil viele Menschen – in Frankreich, aber auch in Deutschland – alles analysieren und verstehen wollen. Ich selbst denke eher: Ich muss nicht alles verstehen. Ich möchte viel mehr fühlen, was etwas mit mir macht. Es gibt so viele Arbeiten von Künstlern, die ich bewundere, ohne alles daran erklären zu können. Und das ist völlig in Ordnung.

Mystery 2021 © Jessica Backhaus

Thomas Berlin: Man verbaut sich dadurch eigene Vorstellungswelten. Verstehen ist bei Dokumentarfotografie gut, aber bei künstlerischer Fotografie ist es ja etwas anderes. Ich war neulich in der Ausstellung eines Künstlers, der abstrakte Sachen machte. In dem Moment, in dem ich mir über seinen abstrakten Fotografien etwas vorstellen konnte, kam er dazu und erklärte genau, was es ist und wie er es fotografierte – und da war jeder Zauber einfach weg.

Jessica Backhaus: An der Abstraktion fasziniert mich gerade das Unerklärte – die Tatsache, dass sie einen Raum öffnet, in dem wir als Betrachter unsere eigene Vorstellungskraft, unsere Träume und Sehnsüchte entfalten können.

Thomas Berlin: Insofern bietest du mit deinen Bildern also Vorstellungsräume an?

Jessica Backhaus: Wenn man das so sehen möchte, ja.

Planung, Intuition und Material

Thomas Berlin: Kommen wir vielleicht noch einmal auf deine Arbeitsweise, auch wenn es schon ein bisschen durchgeklungen ist. Wie ist bei dir das Verhältnis zwischen Planung und Intuition? Wann ist Planung wichtig und wo verlässt du dich auf deine Intuition?

Jessica Backhaus: Es ist immer eine Mischung aus beidem. Man plant etwas, und sobald ich einen Plan habe, gebe ich mich der Arbeit zugleich auch schon ganz hin. Wenn ich noch einmal „Papyrus“ nehme: In diesen anderthalb, fast zwei Jahren gab es Wochen und Monate, in denen ich jeden Tag arbeitete – je nachdem, was das Klima zuließ. Ich bin ja immer von der Sonne abhängig.

Thomas Berlin: Du bist in Südfrankreich ansässig?

Jessica Backhaus: Im Moment bin ich in Südfrankreich. Ich lebe in Berlin, aber die Winter verbringe ich, wenn es geht, seit ein paar Jahren im Süden Frankreichs.

Thomas Berlin: Gute Entscheidung. Ich bin im Sommer immer dort, in Arles.

Jessica Backhaus: Ach, das ist schön. Es ist wirklich traumhaft. Natürlich plane ich an den Tagen zu arbeiten, an denen Sonne da ist. Aber sobald ich mit den Materialien arbeite, führen sie mich manchmal auch. Es hängt sehr stark vom Material ab. Wenn ich mit Papier und Schere arbeite, ist das eine andere Form der Arbeit, als wenn ich ein Messer auf einem Schneidebrett benutze. Ein Messer gibt mir ganz andere Freiheiten als eine Schere. Auch da denke ich gar nicht so viel nach. Das geschieht sehr intuitiv: ob ich an dem Tag zum Messer greife oder zur Schere, wie die Formen entstehen – das ergibt sich. Es kann sein, dass ich irgendwann merke: Jetzt sind hier sehr viele Rundungen entstanden, jetzt möchte ich einmal in eine kantigere Richtung gehen. Das wären dann Momente von Planung. Aber wie ich das umsetze, folgt dann wieder eher dem Material oder dem Werkzeug. Und am Ende, wenn die Dinge zusammenfinden, ist vieles reines Gefühl, reine Intuition. Ich denke vielleicht: Ich möchte dieses Gelb mit einem bestimmten Blau zusammenbringen. Aber wie es als Ganzes funktioniert, ergibt sich aus dem Prozess. Ich bin nicht so sehr ein Kopfmensch, ich gehe stark nach meinem Gefühl.


Inspirationen jenseits der Fotografie

Thomas Berlin: Welche Rolle spielen sogenannte Kreativitätstechniken bei dir?

Jessica Backhaus: Ich wüsste nicht eine einzige. So etwas habe ich noch nie gemacht.

Thomas Berlin: Und was beeinflusst dich dann? Auch wenn du intuitiv arbeitest, ist es ja so, dass das, was du in der Welt siehst und wahrnimmst, etwas mit dir macht. Ist das Literatur, Film, Bilder in Ausstellungen? Was ist es, was dein Reservoir an Möglichkeiten auffüllt?

Jessica Backhaus: Ich würde sagen, das ist ein sehr lebendiges Repertoire. Wenn ich Workshops gebe, mache ich oft auch eine Präsentation über meine eigenen Inspirationsquellen. Darauf brachte mich vor vielen Jahren die italienische Galerie, mit der ich lange zusammenarbeite. Als ich einmal einen Workshop in Mailand gab, fragte man mich, ob ich nicht einen Vortrag über meine ganz persönlichen Inspirationen halten könne. Ich fand das spannend und habe mich darauf eingelassen. Es ist interessant zu sehen, wie sich diese Inspirationsquellen im Lauf der Zeit verändern.

Einmal sagte ein Teilnehmer zu mir, es sei interessant, diese Präsentation zu sehen, aber es komme darin kaum Fotografie vor. Stattdessen gab es Filmausschnitte, Installationen, viel Malerei. Er war darüber fast irritiert. Und tatsächlich finde ich in den letzten Jahren oft mehr Inspiration in der bildenden Kunst und in der Malerei als in der Fotografie selbst. Die Frage ist ja immer: Was macht das mit einem, und wie übersetzt man das? Film ist für mich sehr wichtig, ebenso Ausstellungen. Ich lese auch viel. Bücher und Literatur sind für mich ganz bedeutend.

Thomas Berlin: Bei Büchern entwickelt man ja auch oft Bilder im Kopf.

Jessica Backhaus: Absolut. Da läuft innerlich ein Bild ab, man sieht und spürt etwas. Und genau das ist ja das Schöne: wenn man sich in einem Buch verliert, wenn man das Glück hat, ein Buch zu lesen, das einen wirklich bewegt. Das ist etwas Wunderbares. Dasselbe gilt für Filme. Und natürlich ist es auch das Leben selbst, das mich inspiriert. Hier im Süden Frankreichs sind allein das Licht, die Natur und das Meer enorme Inspirationsquellen. Sie geben mir sehr viel Kraft und Energie.

Thomas Berlin: Da bist du ja in guter Gesellschaft. Van Gogh war ja auch des Lichts wegen gekommen und geblieben …

Jessica Backhaus: Ja, so viele Künstler sind wegen dieses Lichts in den Süden gegangen. Es ist wirklich magisch. Das Licht, die Vegetation – all das macht etwas mit einem.

Untitled 21, 2024 © Jessica Backhaus


Gisèle Freund und das Fotografieren mit dem Herzen

Thomas Berlin: Ich würde noch einmal auf einen Teil deiner künstlerischen Entwicklung eingehen. Wie ich hörte, hattest du eine ganz berühmte Mentorin, die Fotografin Gisèle Freund. Ist das richtig?

Jessica Backhaus: Ja, die Tatsache, dass wir uns begegnet sind und in den letzten acht Jahren ihres Lebens eine sehr enge Verbindung und Freundschaft hatten, gehört definitiv zu den schönsten Geschenken meines Lebens. Das war ein ganz besonderer Mensch. Diese Zeit und diese Freundschaft bewegen mich bis heute, sie tragen und inspirieren mich noch immer. Gisèle Freund war eine herausragende Persönlichkeit.

Thomas Berlin: Ist es mehr die freundschaftliche Beziehung oder auch eine künstlerische? Denn ihre Fotografie – ich denke dabei vor allem an ihre Porträts von Künstlern – ist ja etwas anderes als das, was du machst.

Jessica Backhaus: Als ich sie kennenlernte, war ich 22, sie war 84, und zu diesem Zeitpunkt fotografierte sie schon nicht mehr. Aber die Gespräche und Auseinandersetzungen, die wir hatten, waren unglaublich tiefgreifend. Es war faszinierend, wie sie über ihre eigene Arbeit sprach, über ihre Porträts und Reportagen, über die Reisen und Erfahrungen ihres Lebens. Von ihr konnte man unendlich viel lernen. Sie war sehr intelligent, sehr humorvoll und sehr couragiert. Ich habe ihren Mut immer bewundert. Natürlich würde ich mich in keiner Weise mit ihrem Werk oder ihrem Leben vergleichen wollen – das wäre unmöglich. Aber sie hat mir sehr viel mitgegeben: an Ratschlägen, an Blickweisen, an einer Haltung gegenüber der Arbeit und dem Leben. Allein durch ihren Werdegang konnte man sehr viel von ihr lernen.

Thomas Berlin: Gibt es etwas, das du von ihr gelernt hast und das dich bis heute prägt – neben der Erinnerung an eine wunderbare Freundin?

Jessica Backhaus: Ja, wir haben einmal darüber gesprochen, dass Technik zwar wichtig ist. Als Fotografin sollte man sie beherrschen. Aber sie sagte auch: Eigentlich ist die Technik vollkommen irrelevant – man muss sie sofort wieder vergessen. Entscheidend ist, wie sehr du dich einbringst. Ob du einen Stuhl fotografierst oder einen Menschen – in dem Moment, in dem du dich entscheidest, etwas zu fotografieren, musst du alles geben. Sie sagte auch, man dürfe den Betrachter oder die Betrachterin nie unterschätzen. Wenn man wirklich investiert ist in das, was man zeigen möchte, dann entsteht eine Resonanz, weil Menschen spüren, ob man involviert ist oder nicht. Und das Wichtigste – das stand für sie über allem – war, bei sich selbst zu bleiben, authentisch zu arbeiten. Sie sagte: Man muss mit dem Herzen fotografieren. Das trage ich bis heute in mir. Und eigentlich gilt das nicht nur für die Fotografie. Am Ende sollte man überhaupt mit dem Herzen im Leben stehen, auch im Umgang mit anderen Menschen.

Thomas Berlin: Und die Fotografie ist eben nur ein Teil davon.

Jessica Backhaus: Ja, es ist nur ein Teil davon. Die Freundschaft mit Gisèle Freund hat meinen Blick auf die Fotografie stark geprägt. Von ihr habe ich gelernt, dass das Wichtigste Authentizität ist – die Fähigkeit, mit dem Herzen zu fotografieren. Natürlich sind die Augen ein entscheidendes Organ. Sie ermöglichen uns zu sehen, Formen wahrzunehmen, Licht und Schatten zu erkennen. Doch das allein reicht nicht. Ein Bild entsteht nicht nur durch das, was wir sehen, sondern durch das, was wir fühlen. Ohne das Herz bliebe der Blick oberflächlich.

Gisèle hat mir einmal sinngemäß vermittelt, dass Fotografie immer auch eine Begegnung ist – mit einem Menschen, einem Moment, einer Stimmung. Wenn wir nur mit den Augen schauen, registrieren wir vielleicht die Realität. Wenn wir aber mit dem Herzen sehen, verstehen wir sie. Vielleicht ist das genau der Punkt: Die Kamera ist nur ein Werkzeug. Entscheidend ist der Mensch dahinter. Wohin würden wir kommen, wenn wir nur sehen, aber nicht fühlen? Erst wenn Blick und Herz zusammenarbeiten, kann ein Bild entstehen, das wirklich berührt.

Aura, Material und Einmaligkeit

Thomas Berlin: Ich musste gerade an Walter Benjamin denken, der mit Gisèle Freund verbunden war und dessen Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit bis heute erstaunlich aktuell wirkt. Darin beschreibt er, wie ein Kunstwerk durch seine Vervielfältigung Aura verliert. Bei deinen Collagen scheint mir das besonders spannend: Im Original besitzen sie durch ihre Materialität, ihre Schichten, Klebespuren und haptisch fühlbare Farbkleckse eine starke physische Präsenz. Sobald sie aber fotografiert, reproduziert und in einer Galerie, in einem Buch oder auf einem Display gezeigt werden, verschiebt sich genau diese Erfahrung. Wie denkst du darüber? Und wie ordnest du deine Arbeiten vor diesem Hintergrund ein?

Jessica Backhaus: In dieser digitalen Welt, in der wir seit Jahren leben, habe ich oft erlebt, dass Menschen meine Arbeiten zunächst nur digital kannten und dann irgendwann zum ersten Mal im Original sahen. Wenn sie mir danach schrieben oder ich Rückmeldungen bekam, ging es sehr oft genau um diese Haptik, die du beschreibst, und um dieses Gefühl, das man bekommt, wenn man vor einer Arbeit im Originalformat steht – so, wie sie gedacht ist. Wenn man das Papier sieht oder bei den Collagen die Materialität wahrnimmt, ist das etwas ganz anderes.

Painting a Story, 2016 © Jessica Backhaus

Gerade die Collagen faszinieren mich in dieser Hinsicht besonders, weil sie als konkrete Objekte nur einmal existieren. Das ist eine andere Herangehensweise, als ein Foto zu machen oder mit ausgeschnittenem Papier zu arbeiten. In einer Collage kommen verschiedene Elemente zusammen, und es braucht Zeit, um zu spüren, wie viel man hinzufügen kann und ab wann die Arbeit kippt. Man balanciert ständig aus: Wie viel darf hinein, wie viel muss draußen bleiben? Gerade das finde ich so spannend. Ich habe damals viele Collagen auch ruiniert, weil es zu viel war oder zu wenig. Aber genau dadurch lernt man etwas darüber, wie ein Bild oder eine Komposition entsteht.

Dieses Collagemachen hat mich sehr fasziniert, und ich kann mir gut vorstellen, irgendwann wieder dorthin zurückzukehren. Bei diesen Arbeiten – aber auch bei „Papyrus“ – ist mir die Spürbarkeit des Materials besonders wichtig. Deshalb habe ich bei „Papyrus“ ganz bewusst auf Glas verzichtet. Ich wollte, dass man die Magie des Papiers direkt wahrnehmen kann.

Thomas Berlin: Bei den Collagen ist es ja das einzige Werk von dir, das physisch übrig geblieben ist. Denn die „Cut Outs“, also die Schnipsel, hast du ja dann irgendwann wieder eingesammelt. In der Erscheinung mit dem Schatten war das nur im damaligen Moment vorhanden.

Jessica Backhaus: Ja, genau. In dieser Form existieren diese Arbeiten nicht mehr. Ich habe sie mit der Kamera festgehalten, und das wurde dann das Werk. Die Materialien selbst habe ich noch, aber so, wie sie damals zusammenkamen, werden sie nie wieder entstehen. Das finde ich auch bei „Plein Soleil“ oder „Papyrus“ interessant. Manchmal habe ich versucht, auf eine bestimmte Arbeit noch einmal zurückzugreifen und in einer anderen Farbpalette etwas Ähnliches zu entwickeln. Aber ich habe gemerkt: Es ist nicht möglich. Diese Arbeiten können nur einmal entstehen. Selbst wenn ich mich kopieren wollte, vielleicht in einer anderen Farbkombination, wäre das nicht machbar.

Thomas Berlin: Ja, das macht ja auch einen gewissen Reiz aus. Und selbst wenn du die Anordnung dieser Papiere und Ausschnitte aus dem Projekt „Cut Outs“ in Kunstharz einbetten würdest: Die Form und die Rundung blieben, aber der Schatten wäre nicht mehr da, denn den kannst du nicht festhalten.

Jessica Backhaus: Es ist tatsächlich etwas Einmaliges, und das liebe ich.

Thomas Berlin: Jessica, nachdem wir so intensiv über deine Arbeit gesprochen hatten, würde mich interessieren, was machst du privat gern, wenn du nicht gerade beruflich fotografierst?

Jessica Backhaus: Ich reise sehr gern. Wie ich vorhin schon gesagt habe, bin ich immer neugierig auf das Fremde, auf das, was ich nicht kenne. Ich bin also ziemlich viel unterwegs.

Ich liebe es, in Ausstellungen zu gehen, aber auch, mich komplett zurückzuziehen, zu recherchieren und Bücher zu lesen — ganz unterschiedliche Bücher, je nachdem, was mich gerade interessiert. Ich treffe mich mit Freunden, ich liebe es, mit ihnen zusammen zu sein. Sie schenken mir ganz viel Kraft, Leben, Energie und Liebe. Natürlich verbringe ich auch viel Zeit mit meinem Mann, der immer an meiner Seite ist.

Und ich schwimme wahnsinnig gern. Wenn ich kann, bin ich viel im Wasser. Ich glaube, das ist das Element, in dem ich mich am wohlsten fühle. Also verbringe ich viel Zeit im Wasser.

Thomas Berlin: Vielleicht sehen wir dann irgendwann auch mal ein Wasserprojekt von dir.

Jessica Backhaus: Ja (lacht). Und ich liebe Musik. Ich gehe gern auf Konzerte. Musik ist eigentlich ein ständiger Begleiter, auch in der Entwicklung meiner Arbeiten.

Thomas Berlin: Sie kann ja ähnlich inspirierend sein wie Literatur.

Jessica Backhaus: Musik ist eine unglaubliche Kunstform. Man wird durch bestimmte Töne, Rhythmen und Melodien einfach berührt und kann das oft gar nicht erklären. Man empfindet nur. Und das ist etwas so Schönes, wenn man sich auf diese Art verlieren kann.

Thomas Berlin: Jessica, das ist ein schönes Schlusswort. Ich danke dir sehr für dieses inspirierende Gespräch.

Jessica ist im Internet zu finden auf ihrer Website und Instagram.  Ihre aktuelle Ausstellung im Fotografie Forum Frankfurt ist voraussichtlich noch bis zum 26.04.2026 zu sehen.

Feedback zum Interview gern hier.

Sunrise, 2022 © Jessica Backhaus

Thomas Berlin

Thomas Berlin is a fine art photographer, artist interviewer, and photo book publisher. He lives and works near Frankfurt am Main, Germany.

https://thomasberlin.net
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