SCHWARZWEISS MAGAZIN: Meine Veröffentlichung – ein Blick dahinter

Meine Veröffentlichung im SCHWARZWEISS MAGAZIN #170 war der Anlass, etwas hinter die Kulissen zu schauen und mit Chefredakteur Patrick Brakowsky zu sprechen.

Sechs Seiten im SCHWARZWEISS MAGAZIN – und ein Gespräch über das, was Schwarzweiß heute tragen kann

Wer meinen Blog regelmäßig liest, weiß, dass ich eine Vorliebe für das gedruckte Bild habe. Nicht aus Nostalgie, sondern weil Print eine andere Art von Aufmerksamkeit ermöglicht. Ein gutes Fotomagazin ist für mich kein Technik-Katalog, sondern ein Raum, in dem Bilder ihre besondere Bühne haben – wenn man nicht scrollt, sondern blättert. Noch stärker gilt das natürlich für Fotobücher, die mit Materialität, Fläche, Sequenz und Rhythmus ein noch schöneres Erlebnis schaffen können. Aber bleiben wir heute erst einmal bei Fotomagazinen.

Es bedeutet mir viel, dass in den letzten Monaten gleich mehrere Magazine, die ich selbst gern lese, Arbeiten von mir gezeigt haben. Im vergangenen Jahr waren das das Fine Art Photo Magazine und das Swan Magazine – beim Swan sogar verbunden mit einem langen Interview mit mir. Und jetzt, im Februar 2026, veröffentlicht das SCHWARZWEISS MAGAZIN auf sechs Seiten Porträts aus meinen Arbeiten und beschreibt meine fotografische Haltung so treffend, dass ich beim Lesen mehr als einmal dachte: „Ja, genau so ist es.“

Das habe ich zum Anlass genommen, mich mit Patrick Brakowsky, dem Chefredakteur des SCHWARZWEISS MAGAZINS, auszutauschen: über Schwarzweißfotografie, Auswahlprozesse, das Kuratieren von Serien und die Rolle von Print in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit oft nur noch in Sekunden gemessen wird. Im Folgenden findet ihr meinen Bericht mit den Gedanken, die bei mir besonders hängen geblieben sind.

Schwarzweiß als Gegenentwurf: nicht nostalgisch, sondern konzentriert

Eine der zentralen Aussagen von Patrick Brakowsky war, dass Schwarzweiß für ihn heute vor allem ein Ruhepol und gleichzeitig Inspiration ist. Das fand ich sofort plausibel: Schwarzweiß stellt sich der überfrachteten Bilderwelt entgegen, ohne automatisch in „früher war alles besser“ abzugleiten. Es nimmt Tempo raus. Und es hilft vielleicht, genauer hinzusehen.

Besonders hängen geblieben ist mir sein Gedanke, dass Schwarzweiß den Blick auf Dinge lenken kann, die im bunten Rauschen sonst verschlossen bleiben. Selbst Alltägliches bekommt Spannung – manchmal poetisch, manchmal rein ästhetisch. Und: Schwarzweiß ist für ihn sehr stark darin, Stimmungen und Gefühle zu transportieren, lässt aber gleichzeitig Raum für Interpretation. Nicht alles wird festgelegt, vieles bleibt offen – Zwischentöne, Unterströmungen, das „unterhalb der Oberfläche“.

Wann Schwarzweiß „sein muss“ – und wann es stört

Vor einigen Jahren hatte ich im Interview mit dem für seine Schwarzweißarbeiten bekannten Fotografen Andreas Jorns bereits das Thema der Fotografie ohne Farbe behandelt. Umso gespannter war ich nun auf die Ansichten von Patrick, der sich journalistisch mit der schwarz-weißen Fotowelt befasst. Ich hatte ihn gefragt, wann aus seiner Sicht Schwarzweiß nahezu zwingend ist. Seine Antwort war bemerkenswert un-dogmatisch: In der Kunst sei „zwingend“ oft schon das falsche Wort, da es nach Regelwerk klinge.

Und trotzdem hat er sehr klar beschrieben, wie er entscheidet: Wenn Farbe keine Bedeutung trägt oder sogar ablenkt, führt für ihn kein Weg an Schwarzweiß vorbei. Wenn Farbe aber entscheidend ist – wenn sie Inhalt ist, nicht Dekoration –, dann kann Schwarzweiß hinderlich sein.

Und der Klassiker, den man ruhig öfter sagen darf: Ein schlechtes Farbfoto wird durch Schwarzweiß in der Regel nicht automatisch gut. Das ist vielleicht banal – aber gerade weil es so oft als „Rettungsversuch“ missbraucht wird, ist es stimig. Schwarzweiß ist kein Filter. Es ist eine Entscheidung.

Woran man ein gutes Schwarzweißfoto erkennt: erst der Impuls, dann die Gestaltung

Bei der Frage, woran er ein gutes Schwarzweißfoto erkennt, hat Patrick etwas gesagt, das ich aus eigener Erfahrung gut kenne: Oft gibt es diesen ersten Moment – ein impulsives „Hängenbleiben“. Entweder, weil etwas visuell fasziniert. Oder weil etwas emotional trifft.

Aber dann kommt der zweite Schritt, der eigentlich entscheidende: die bewusste Betrachtung. Komposition: Ist sie ausgewogen, trägt sie das Bild? Licht: Ist es nur „da“ – oder gestaltet es? Tonwerte: Wie verteilen sich Schwarz, Weiß und die Graustufen? Gibt es Tiefe, Luft, Spannung?

Und vor allem: Spürt man, dass die Fotografin oder der Fotograf sich Gedanken gemacht hat – über wie und warum dieses Bild so geworden ist?

Seine Formulierung in meiner Übersetzung: Ein gutes Bild hat eine eigene Idee. Es transportiert etwas.

Print als „Fels in der Brandung: Qualität, wenig Werbung, Fokus aufs Bild

Natürlich ging es auch um die große Frage: Welche Rolle hat ein gedrucktes Fotomagazin heute, wo Print gefühlt überall unter Druck steht?

Er sieht sein Magazin als eine Art Fels in der Brandung – weil es sich konsequent treu geblieben sei: hoher Qualitätsanspruch bei Inhalt und Druck, wenig Werbung und ein klarer Fokus. Er hat das Stichwort „Ruhepol“ selbst wieder aufgegriffen: Viele sehnen sich nach einem Gegenentwurf zur Schnelllebigkeit von Social Media. Ein Magazin, das sich ausschließlich Schwarzweiß widmet, kann genau deshalb attraktiv sein: Fotografie wieder erleben – konzentriert, hochwertig, ohne Ablenkung.

Warum meine Arbeit ausgewählt wurde: Spiel, Unmittelbarkeit, Nähe

Für mich persönlich war natürlich auch spannend: Was war der Auslöser, meine Arbeiten für das Heft auszuwählen?

Er sagte, ihm sei meine Arbeit schon früher auf unterschiedlichen Kanälen begegnet und im Gedächtnis geblieben. Was ihm gefallen hat, war mein aus seiner Sicht kreativer, oft spielerischer Ansatz in der Porträtfotografie – und die Unmittelbarkeit, mit der ich meine Protagonistinnen zeige. Er sprach von einer Nähe zwischen Fotograf und Fotografierten, die nicht selbstverständlich sei. Und genau das habe ihn interessiert: wie diese Nähe entsteht – und wie sie im Bild sichtbar wird.

Ich fand das einen sehr aufmerksamen Blick von außen. Denn vieles von dem, was ich beim Fotografieren tue, passiert nicht als Technik, sondern als Haltung: das gemeinsame Einlassen, das Zulassen von Momenten, das Vertrauen, dass ein Bild nicht „gemacht“, sondern ermöglicht wird.

Bildauswahl: Abwechslung vs. Stimmigkeit – und die Intuition im Layout

Ein weiterer spannender Teil war Patricks Auswahlprozess meiner Bilder aus einem größeren Portfolio. Er beschrieb den „schmalen Grat“ zwischen Abwechslung und Stimmigkeit, den fast jede Portfolio-Auswahl austarieren muss.

In meinem Fall wollte er ausdrücklich nicht auf eine einzige Facette reduzieren, sondern Spektrum zeigen: einerseits die selbstverständliche Mischung aus Nacktheit und Nicht-Nacktheit (zumal das für mich kein Kategorie-Kriterium ist). Aber auch Close-ups und Bilder, die etwas stärker mit der Umgebung arbeiten sowie verschiedene Stimmungen: verträumt, verspielt, optimistsch, melancholisch, nachdenklich.

Und dann kam ein Punkt, den man als Außenstehender oft unterschätzt: Wie Bilder am Ende im Layout zusammenfinden, entsteht häufig tatsächlich recht intuitiv – aber diese Intuition ist nicht beliebig. Sie arbeitet im Dienst der Harmonie: Auf der Magazinseite müssen die Bilder miteinander sprechen, nicht gegeneinander.

Ich mochte diese Gedanken sehr, weil er zeigt: Eine Magazinveröffentlichung ist nicht nur „Bilder abdrucken“. Es ist eine Form von Erzählung – über Reihenfolge, Rhythmus, Gegenüberstellungen. Und da sind wir schon wieder bei einigen Parallelen zu dem von mir geliebten Fotobuch als Medium.

Die Cover-Entscheidung: Wirkung aus Abstand, Ruhe, Platz, Stimmung

Dass eines meiner Porträts das Cover geworden ist, hat mich natürlich besonders gefreut. Und ich wollte wissen, warum dieses Bild.

Die Entscheidung wird im Team getroffen, und es gab wohl relativ schnell zwei Favoriten: das letztlich gewählte Porträt und ein weiteres Bild (das Bild mit den Händen vorm Gesich im Artikel direkt daneben). Interessant fand ich die sehr praktische Methode: Sie schauen sich ausgedruckte Cover aus einem gewissen Abstand an – um zu erahnen, wie es am Kiosk wirkt und ob es Aufmerksamkeit erzeugt.

Das Bild mit den Händen vorm Gesicht hatte zwar etwas Geheimnisvolles, erschien dem Team aber „zu unruhig“ für die Titelseite. Das gewählte Porträt sei ruhiger, offener, biete Raum für Titelzeilen (auch nicht unwichtig) und trage eine leicht melancholische Stimmung, die fast etwas Sakrales habe.

Ich finde: Das ist eine Cover-Logik, die man sehen kann, wenn man sie einmal gehört hat. Und es zeigt, wie stark Print auch in Flächen denkt – nicht nur in Motiven.

Blick nach vorn: offen bleiben, Nachwuchs zeigen, Praxis vertiefen – und KI nicht ausklammern

Patrick ist optimistisch, was die Zukunft seines Magazins betrifft – nicht zuletzt wegen der vielen positiven Rückmeldungen der Leser. An der Grundausrichtung wird sich wenig ändern. Der Fokus liegt auf Bild, Intention und fotografischen Arbeitsweisen.

Gleichzeitig möchte er die Schwarzweißfotografe „mit großer Offenheit“ weiterdenken: neue Spielarten suchen, das Klassische nicht vernachlässigen, Inspiration liefern, Austausch ermöglichen. Er betonte, wie wichtig es ihm ist, auch junge Fotograf*innen zu zeigen, die das Thema vorantreiben. Außerdem sollen fotopraktische Beiträge zu bestimmten Motivwelten weiter ausgebaut werden.

Und dann ein Punkt, der in den nächsten Jahren zwangsläufig größer wird: KI. Das Magazin verstehe sich vielleicht als kleine Insel – aber eine kritische Auseinandersetzung mit neuen Fragen der Bilderzeugung werde man nicht umgehen können. Ich fand gut, dass er das nicht alarmistisch, aber auch nicht ausweichend formuliert hat. Es ist genau diese Mischung aus Klarheit und Offenheit, die ich mir generell in der Fotowelt wünsche.

Warum ich mich über diese Veröffentlichung freue

Dass das SCHWARZWEISS MAGAZIN in der Fotoszene einen so guten Ruf hat, liegt für mich an seiner konsequenten Konzentration auf das Bild, an der kuratorischen Strenge und an der spürbaren Print-Qualität – umso mehr ist es für mich eine besondere Ehre, dort veröffentlicht zu werden. Und dass der begleitende Text meine fotografische Haltung so zuverlässig trifft, fühlt sich für mich wie eine Bestätigung an: nicht im Sinne von „richtig oder falsch“, sondern im Sinne von gesehen werden. Von Menschen, denen Fotografie genauso wichtig ist wie mir.

Wenn ihr das Heft #170 mit meinem Beitrag in die Hände bekommt: Nehmt euch Zeit. Blättert langsam. Schaut länger als gewöhnlich. Genau dafür ist es gemacht.

Das SCHWARZWEISS MAGAZIN erscheint im Tecklenborg-Verlag. Mein oben angesprochener Beitrag ist in Heft 170 enthalten.

Patrick Brakowsky fand vor 15 Jahren über ein Volontariat beim Tecklenborg Verlag (u. a. für NaturFoto) professionell zur Fotografie und leitet heute die Redaktion des SCHWARZWEISS MAGAZINS. Er schreibt über Fotografie, Motivation und die Ideen hinter Bildern, verfasst Vorworte für Bildbände und ist als Juror bei Fotowettbewerben tätig. Fotografisch zieht es ihn vor allem in die Natur – meist in Schwarzweiß. Nebenbei macht er Musik: Als Bassist der Band Maitland veröffentlichte er 2025 ein Album.

 















Thomas Berlin

Thomas Berlin is a fine art photographer, artist interviewer, and photo book publisher. He lives and works near Frankfurt am Main, Germany.

https://thomasberlin.net
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