„Wenn ich ein Bild zeige, wird aus einem abstrakten Begriff plötzlich ein Mensch.“ - Oliver Wendlandt / Stiftungsleiter Dein Sternenkind im Gespräch mit Thomas Berlin

Stiftung Dein Sternenkind

Wenn Eltern ihr Kind rund um die Geburt verlieren, ist das ein unfassbarer Moment. Ein Foto kann nichts ungeschehen machen – aber es kann sichtbar halten, dass dieses Kind da war. Oliver Wendlandt, Vorsitzender der Stiftung Dein Sternenkind, sagt im Interview, warum Sternenkinder-Fotografie für viele Familien zu einem wichtigen Erinnerungsanker wird und oft auch hilft, mit dem Umfeld umzugehen. Er erklärt, wie Einsätze organisiert werden, welche Haltung und Fähigkeiten ehrenamtliche Sternenkinder-Fotografen mitbringen, welche ethischen Leitplanken gelten – und wie sie mitfühlen, ohne auszubrennen. Ein Gespräch über stille Bilder, große Verantwortung und darüber, warum Trauer Zeit braucht.

Foto: Heike Gerhards

Thomas Berlin: Wenn Eltern ihr Kind kurz vor, bei oder nach der Geburt ist das eine unfassbare Ausnahmesituation. In diesem Moment gibt es manchmal Fotografen, die ehrenamtlich einen sehr besonderen, stillen Dienst leisten. Aber vorab: Woher kommt der Begriff „Sternenkind“ für so früh verstorbene Kinder eigentlich?

Oliver Wendlandt: Ich glaube, entstanden ist das aus der Vorstellung, dass Kinder in den Himmel kommen – und da oben sind Sterne. Und es ist ein Versuch, diesen abstrakten Begriffen wie Totgeburt, stille Geburt, Abort – wie es auch immer genannt wird – einfach ein bisschen mehr Menschlichkeit zu geben, als das mit diesen standardisierten Begrifflichkeiten passiert.

Thomas Berlin: Der Begriff stellt gleichzeitig den Menschen – also das tote Kind – in den Vordergrund und nicht den Prozess einer Totgeburt.

Oliver Wendlandt: Richtig.

Thomas Berlin: Warum können Fotos in dieser Situation helfen?

Oliver Wendlandt: Zum einen sind Fotos Erinnerungen – und Erinnerung ist in der Trauerarbeit ganz wichtig. Je mehr Erinnerungen man hat, desto besser kommt man durch diesen Trauerprozess durch, der ja eigentlich nie aufhört. Ich sage immer: Trauer ist wie Staub. Den kann ich zusammenkehren, aber dabei wirbelt immer wieder etwas auf, das sich dann erneut irgendwo absetzt. Und nach einer gewissen Zeit merkt man es vielleicht gar nicht mehr so. Aber wenn ich wieder in die Ecke kehre, wirbelt es erneut auf. Irgendwie ist immer etwas davon da.

Thomas Berlin: Dann ist der Versuch, schnell vergessen zu wollen, keine Lösung?

Oliver Wendlandt: Nicht wirklich. Wir sprechen ja auch mit Menschen, die zum Thema Trauer forschen, und die sagen, dass das in der Regel nicht funktioniert. Verdrängen ist meistens nicht der richtige Weg, um mit so etwas irgendwann innerlich abschließen zu können.

Zum Zweiten ist es etwas anderes, wenn ich einen Opa verliere, den ich dreißig, vierzig Jahre kannte – von dem es hunderttausende Bilder gibt. Wenn ich von mir rede: Mein Opa ist vor über 30 Jahren gestorben, und ich könnte ihn jetzt aus dem Stegreif nicht detailliert beschreiben. Wenn ich aber ein Foto sehe, weiß ich sofort: Das war mein Opa. Und dann kommen plötzlich andere Erinnerungen hoch: wie er mir im Ohrensessel Geschichten vorgelesen hat und solche Sachen.

Und der dritte Punkt, den ich persönlich für ganz wichtig halte: Fotos sind ein wichtiges Werkzeug, um das Umfeld zu sensibilisieren. Ich habe gerade von abstrakten Begriffen geredet – Abort, stille Geburt, Totgeburt. Und wenn Eltern trauern, sind das ja meist junge Menschen, unter 40 in der Regel. Da gibt es dann gerne mal ein Schulterklopfen für die Mutter: „Du bist ja noch jung, mach ein neues“, oder „Wer weiß, wofür es gut war.“ Das ist nicht bösartig gemeint, sondern entsteht aus einer Abstraktion – weil viele schlicht keinen Bezug dazu haben.

Wenn ich dann aber ein Bild zeigen kann – und wenn es nur eine Hand oder ein Fuß ist –, dann wird aus dem abstrakten Begriff „Sternenkind“ plötzlich ein Mensch. Und dann versteht das Umfeld besser, warum die Eltern traurig sind. Denn Eltern kriegen ja auch zu hören: „Mensch, das ist jetzt drei Monate her, stell dich doch nicht mehr so an.“ Aber sie haben einen Menschen verloren.

Und die Kinder, die wir fotografieren, sind in der Regel Wunschkinder. Jemand, der das Kind nicht möchte, lässt eher keine Erinnerungen schaffen – da greift dann vielleicht der Verdrängungsmechanismus. Aber die Eltern, die uns rufen – und wir kommen ja nur, wenn die Eltern das wollen –, die wollen Erinnerungen an ein Kind, das eigentlich in ihre Familie hineingeboren werden sollte und dort hätte wachsen und erwachsen werden sollen.

Thomas Berlin: Die Bilder spielen also nicht ausschließlich für die Eltern eine Rolle, sondern auch für das Umfeld …

Oliver Wendlandt: Genau, wir kriegen zum Beispiel viele Mails von Großeltern, die sich freuen, dass sie diese Bilder als Erinnerung haben.

Thomas Berlin: Wenn man ein Kind bekommt denkt man ja meist nicht an so etwas Schreckliches. Aber wenn dann ein Kind tot geboren wird: Wie kommen Eltern in dieser Ausnahmesituation überhaupt auf den Gedanken, Sternenkinder-Fotografie machen zu lassen? Gibt es da einen Vorschlag vom Krankenhaus?

Oliver Wendlandt: In der überwiegenden Zahl der Fälle klären die Hebammen die Eltern über diese Möglichkeit auf – oder das Stationspersonal oder die Klinikseelsorge. Wenn die Eltern sagen „Ja, das möchten wir“, organisieren die Kliniken die Einsatzanforderung bei uns, sodass sich die Eltern um nichts kümmern müssen.

Anders ist es bei Eltern, die zum Beispiel wissen, dass ihr Kind in den nächsten Wochen sterben wird. Die bereiten sich oft vor, wissen, welche Angebote es gibt, und rufen uns dann meist von sich aus an.

Grundsätzlich erleben wir Eltern in ganz unterschiedlichen Zuständen: von komplett fassungslos bis komplett orientiert – weil man es eben schon wusste – und alles dazwischen. Wir haben Eltern, die können sich später nicht erinnern, dass wir da waren, obwohl wir sie mit dem Kind im Arm fotografiert haben. Das Gehirn ist da wie in einem Tunnel, es wird ganz wenig wahrgenommen.

Ich sage immer: Man sollte es vielleicht nicht sofort ablehnen, Fotos machen zu lassen. Nur kann man das Eltern in dem Zustand schwer vermitteln: In dieser Situation kann man oft keine wirklich rationale Entscheidung treffen. Manche Eltern haben die Bilder drei Jahre zu Hause liegen und schauen sie sich erst dann an – weil irgendwann dieses Bedürfnis kommt. Und wenn man dann keine hat, gibt es eben keine.

Thomas Berlin: Sich die Bilder über die Jahre hinweg immer wieder anzusehen – wie wichtig ist es denn, wie diese Bilder optisch wirken? Was ist wichtig, damit die Bilder würdig sind? Oder wie sollen sie wirken, damit Eltern, Geschwister und das Umfeld sie auch in den nächsten Jahren ansehen können?

Oliver Wendlandt: Es geht um Erinnerung – und zwar um eine liebevolle Erinnerung. Alle diese Kinder werden geliebt. Und diese Bilder zeigen oft auch den Abschied der Eltern. Wir fotografieren nicht nur das Kind, sondern ganz oft die Familie oder Geschwisterkinder, wenn sie sich verabschieden. Wir begleiten das einen kurzen Moment lang – und da steckt ganz viel drin. Da ist emotional alles drin, was man sich vorstellen kann. Wenn wir in so ein Zimmer kommen, ist da oft eine Mischung aus Trauer und unendlich viel Liebe, weil es ihre Kinder sind.

Was die fotografische Arbeit angeht, ist natürlich der Zustand des Kindes entscheidend: Was geht, was geht nicht. Aber es geht immer eines richtig gut – und das ist Nähe, also Details: eine Hand, ein Fuß. Man sieht schon ab der 14. Woche Fingernägel, die sind angelegt. Die Kinder müssen eigentlich nur noch wachsen. Details sind ganz, ganz wichtig. Dann entstehen zum Beispiel Bilder, wo ein ganz kleines Kind – vielleicht 10, oder 11 Zentimeter – in einem Körbchen oder in einem Einschlagtuch auf dem Arm der Mutter liegt, sie es anschaut, und es entsteht ein inniger Moment, den wir dokumentieren.

Rein technisch vergleiche ich es oft so: Der Unterschied zwischen einem Sternenkind-Fotografen und jemandem, der das „einfach mal probiert“, weil er darum gebeten wurde, ist häufig die Nähe. Bei Letzteren sieht man oft schräg von oben fotografierte Bilder, weil man sich nicht traut, richtig hinzugehen. Unsere Fotografen trauen sich das. Die suchen die Nähe. Ich sage auch immer: Geht runter in die Knie, geht auf Augenhöhe.

Wir schauen die Kinder an, als wären es unsere eigenen – und wir sehen sie ja tatsächlich zum ersten Mal. Dann suchen wir nach Details und nach allem, was wir entdecken können. Und dann kommt auch mal die Frage an die Eltern: „Mensch, von wem hat er denn die Nase?“ Und man mag es kaum glauben, aber dann kommt auch mal ein Lächeln.
Oft ist es so, dass allein die Anwesenheit des Fotografen für die Eltern ein großer Schritt ist. Ich mache das so: Ich frage, ob ich das Kind anfassen darf, frage nach dem Namen – ich finde es wichtig, dass die Kinder einen Namen haben – und frage dann meist, ob ich damit erstmal ans Fenster gehen kann, weil ich dort gutes Licht habe. Wir blitzen nie.

Dann wird das Kind natürlich bewegt: Ich lege es mal auf die Seite, vielleicht ein bisschen Mull unter die Hand, damit ich sie besser freistellen kann – solche Dinge. Und dann sehen die Eltern: Das Kind „geht nicht kaputt“, wenn man es behutsam bewegt. Wenn ich fertig bin und mich zu den Eltern umdrehe und frage: „Möchtet ihr es nicht doch auch mal halten?“, dann ist es ganz oft so, dass sie dann den Mut haben, es zu tun. Und dann entstehen ganz zauberhafte Bilder voller Liebe und Emotionen, die man sonst vielleicht nicht hätte.

Thomas Berlin: Habe ich das richtig verstanden, dass du als Fotograf manchmal das Kind vor den Eltern im Arm hast – und dass sich die Eltern danach erst trauen, es zu halten?

Oliver Wendlandt: Ja, das passiert. Gerade in frühen Wochen wirkt es sehr zerbrechlich, sehr fein – alles ist fein. Und im Krankenhausalltag kann das Personal das oft nicht leisten: „Guck mal, ihr könnt das machen.“ Den Eltern wird das Kind gebracht, und was sie dann damit machen, bleibt oft ihnen überlassen. Wir hantieren eben auch mit dem Kind – vorsichtig – und dann sehen sie, dass nichts passiert, und verlieren ihre Angst. Das ist ein wertvoller Moment. Eltern erzählen immer wieder, dass es für sie sehr wertvoll war, ihr Kind in den Arm zu nehmen.

Thomas Berlin: Wie läuft denn so eine typische Anfrage ab? Wer ruft euch an und wie geht es dann konkret weiter?

Oliver Wendlandt: In 80 Prozent der Fälle ruft die Klinik an, die es den Eltern auch erklärt. Wir sind teilweise in Kliniken voll in den Arbeitsablauf integriert – wir stehen auf der Checkliste. Die Eltern werden gefragt, ob sie Bilder möchten, das wird dokumentiert. Und dann werden sie oft 20 Minuten später nochmal gefragt, weil das ein Überlegungsprozess ist.

Wir nehmen diese Anrufe an und fragen alle Daten ab, die für uns relevant sind: Schwangerschaftswoche, Zustand des Kindes, wie die Eltern heißen, möglichst auch, wie das Kind heißt – notfalls erfahren wir das vor Ort. Das macht unser Koordinationsteam. Die stellen das dann in unser internes Forum ein. Da gibt es für jeden Einsatz einen eigenen Eintrag. Wenn ein Einsatz erledigt ist, kommt er ins Archiv, damit nicht zu viele offen stehen – wobei trotzdem manchmal 25, 30, 40 Einsätze gleichzeitig aktiv sind. Deswegen nutzen wir für die nachfolgenden Schritte auch Feuerwehr-Software.

Wenn der Einsatz im Forum eingepflegt ist, schauen die Koordinatoren: Wo ist die Klinik? Wir haben unser Einzugsgebiet – Deutschland, Österreich, deutschsprachige Schweiz und Südtirol – in Alarmkreise eingeteilt, die sich teilweise überlappen. Großräume werden nochmal gesondert alarmiert, also zum Beispiel Berlin oder Köln-Bonn. Dann alarmieren die Koordinatoren die Fotografen, die in diesem Alarmkreis gelistet sind.

Thomas Berlin: Wie erfolgt die Benachrichtigung technisch?

Oliver Wendlandt: Wir nutzen tatsächlich Feuerwehr-Software für die Alarmierung. Die Fotografinnen und Fotografen haben eine App auf dem Handy, die wie ein Pieper funktioniert – die macht auch richtig Rabatz.

Thomas Berlin: Also wie bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Oliver Wendlandt: Genau. Gleiches System. Und darin sehen die Fotografen, wo der Einsatz ist und wie dringend er ist: Ob zum Beispiel Lebensbilder gebraucht werden, ob das Kind schon geboren ist oder ob die Geburt erst eingeleitet ist. Oft ist es so, dass die Eltern zur Einleitung in die Klinik gehen, wir dann gerufen werden – und ob die Geburt am gleichen Tag, am nächsten oder erst in vier Tagen ist, weiß vorher keiner. Dann bilden die Fotografen Backup-Ketten. Die Fotografen, die Zeit haben – je nach Dringlichkeit – schauen ins Forum, schauen sich den Einsatz an und schreiben rein: „Ich kann von … bis …“. Wenn es länger dauert, bilden sie so Zeitblöcke, wie eine Kette. Einer übernimmt dann meist die Funktion des Ansprechpartners für die Klinik. Nach dem Telefonat schreibt der Fotograf: „Ich bin um 14 Uhr dort, bin angemeldet, ihr könnt euch wieder euren Dingen widmen.“ Dann fährt er in den Einsatz.

Das Fotografieren dauert mal zehn Minuten, mal eine Stunde. Mein längster Einsatz war acht Stunden – das ist aber absolut unüblich.
Kais Gebels erster Einsatz – Kai Gebel war der Gründer von Dein Sternenkind - ging über zwei Tage. Er hat eine Zwillingsgeburt begleitet, mit Kaiserschnitt und allem, war im OP dabei. So hat es 2013 angefangen.

Thomas Berlin: Wenn ihr dann abgestimmt habt, wer hingeht – welche Entscheidungen werden vor Ort getroffen? Weiß der Fotograf schon, was er tun muss, wenn die Eltern im Zimmer mit dem toten Kind sind, oder bespricht man das erst vor Ort?

Oliver Wendlandt: Es ist ja keine Shooting-Situation im eigentlichen Sinn. Es gibt kein Setup, keine Blitze. Ich persönlich nutze höchstens mein Handy-Display wenn ich etwas besser ausleuchten muss, das reicht. Alles andere ist zu viel Licht und mit Blitz drauf, funktioniert das nicht.

Ich gehe rein, stelle mich vor. Ich persönlich verzichte auf Beileidsbekundungen. Ich habe eine Aufgabe. Ich stelle mich mit meinem Vornamen vor und sage: „Ich bin der Fotograf von Dein Sternenkind.“ Manchmal muss ich auch erstmal schauen, wo das Kind ist, weil ich es nicht sofort sehe. Dann nehme ich mir meistens den Vater zur Seite, wenn er da ist, und sage: „Komm, wir machen kurz den Papierkram.“ Wir haben eine Vereinbarung, die wir abzeichnen lassen: Unsere Fotografen sichern zu, dass der Einsatz vollumfänglich kostenlos ist, dass die Eltern die Bilder kostenlos bekommen und dass die Bilder bei uns auf unseren Servern dauerhaft gesichert werden. Wenn die Eltern die Bilder verlieren, sind sie immer noch verfügbar – selbst wenn der Fotograf nicht mehr bei uns wäre oder sogar verstorben ist. Wir haben eigene Serversysteme, keine Cloud. Die Server stehen physisch bei uns. Wir haben dreimal 100 Terabyte Speicherplatz. Aktuell liegen 1,75 Millionen Bilder drauf – von über 30.000 begleiteten Familien.

Wenn ich darf, frage ich dann: „Darf ich das Kind mal sehen?“ Dann schaue ich mir das Kind an und frage meist: „Darf ich ihn mit ans Fenster nehmen?“ Dann mache ich erstmal die Nahaufnahmen. Die Eltern haben dadurch auch ein bisschen Zeit, sich zu sammeln. Man kann die Eltern nicht überfallen mit „Wollt ihr Blümchen dazu?“ oder „Wollt ihr dieses oder jenes Foto?“ Sie sollen erstmal sehen, dass ich selbstverständlich und ruhig mit dem Kind umgehe, dass keine Hektik entsteht und dass es in ihrem Tempo läuft.

Wenn ich dann fertig bin, frage ich, ob sie das Kind halten wollen, und mache Fotos. Oft ist es so, dass sie das Kind dann „untersuchen“: mit dem Finger über die Nase, die Hand anschauen, die Finger fühlen. Und ich fotografiere dabei. Das ist keine Situation mit Posing, sondern dokumentarisch und situativ. Deshalb kann ich auch nie sagen, wie lange ein Einsatz dauert – jeder ist anders. Man kann sich nicht wirklich vorbereiten. „Mitfahren und mal zugucken“ macht keinen Sinn, und das wollen wir auch nicht. Es ist schon ein großer Schritt, eine wildfremde Person ins Zimmer zu holen. Da können wir nicht zu zweit oder zu dritt aufschlagen. Wir lehnen auch regelmäßig Anfragen vom Fernsehen ab, die begleiten wollen. An der Krankenhaustür ist Schluss.

Thomas Berlin: Haben die Eltern teilweise Begleitpersonen im Zimmer?

Oliver Wendlandt: Ja, ganz unterschiedlich. Manchmal ist ein Seelsorger dabei, manchmal auch eine Hebamme, die sehen will, was wir da machen – insbesondere, wenn die Kinder mit der Wassermethode aufbewahrt wurden. Das ist für viele spannend, weil die Kinder anders aussehen, als man das früher gewohnt war. Manchmal sind Großeltern dabei, manchmal Geschwisterkinder – was wir sehr gutheißen.

Thomas Berlin: Was bedeutet die Anwesenheit der Geschwisterkinder beim Sternenkind?

Oliver Wendlandt: Kinder gehen erstaunlich unbefangen damit um, ganz zärtlich und sanft. Und ich halte es für existenziell wichtig, dass Geschwisterkinder sich verabschieden können, um nicht selbst traumatisiert zu werden. Stell dir vor: Ein Kind ist drei Jahre alt – das Alter ist eigentlich egal –, alle freuen sich auf ein Baby. Das Kind sieht: Mama bekommt einen dicken Bauch, da kommt ein Baby. Dann ist Mama plötzlich zwei Tage weg, kommt nach Hause, und alle sind traurig: Papa, Mama, Großeltern, Tanten, Onkel – alle. Wenn dann keiner dem Kind erklärt, was passiert ist, denkt es: „Ich bin der Einzige, der nicht traurig ist. Warum sind die alle traurig? Das muss meine Schuld sein.“ Das ist ein gefährlicher Moment.

Wenn man das Geschwisterkind aber mitnimmt und es sich verabschieden lässt, sieht man, wie unbefangen Kinder rangehen. Sie schauen, sagen: „Guck mal, das hat schon Fingernägel.“ Manche küssen ihr Geschwisterkind auf die Stirn. Die sind ruhig, innig, zärtlich. Dann kann ich erklären: „Schau mal, es ist noch so klein und atmet nicht mehr. Wir können es nicht mit nach Hause nehmen, es muss leider hier bleiben.“ Dann versteht das Kind es. Aber abstrakt zu sagen „Wir hatten eine Fehlgeburt“ – wie soll ein Kind das begreifen?

Thomas Berlin: Vermutlich gar nicht.

Oliver Wendlandt: Genau, geht gar nicht. Aber das „Kinder erfühlen und begreifen ihre Umwelt“ gilt auch für solche Situationen. Und wir haben wirklich zauberhafte Bilder von Geschwisterkindern, die sich verabschieden. Das sind Gänsehautmomente.

Thomas Berlin: Kommen wir noch einmal auf die Bilder zu sprechen. Worauf achtet ihr noch?

Oliver Wendlandt: Wir geben die Bilder natürlich in Farbe raus, aber immer auch in Schwarz-Weiß. In Schwarz-Weiß haben wir Möglichkeiten, zum Beispiel den Rotwert der Haut zu verändern. Das geht in der Schwarz-Weiß-Umwandlung gut – gerade bei sehr kleinen Kindern ist die Haut oft tiefrot, und das kann man damit abmildern. Ich empfehle Eltern oft, zuerst die Schwarz-Weiß-Bilder anzuschauen. Den Eltern selbst ist es meist egal – sie haben ihr Kind so gesehen und so geliebt. Aber fürs Umfeld, das nur diese abstrakten Begriffe im Kopf hat, ist Schwarz-Weiß im ersten Schritt oft angenehmer anzuschauen.

Thomas Berlin: Also Schwarz-Weiß schaut man sich am Anfang an – und nach ein paar Jahren vielleicht auch die anderen?

Oliver Wendlandt: Genau, so ist es oft. Letztens war das Fernsehen da, und wir hatten meine allererste Mutter dabei, die ich 2014 fotografisch begleitet habe. Ich habe sie gefragt: „Ich habe euch Bilder gemacht und auch ein Video. Und dann sagt sie in diesem Interview zu mir: „Ich habe mich bis heute nicht getraut, dieses Video anzuschauen.“ Damals haben wir noch CDs verteilt. Sie sagte: „Die CD liegt im Bankschließfach. Das ist der größte Schatz, den wir überhaupt haben.“

Thomas Berlin: Du hast gerade die Schwarz-Weiß-Konvertierung angesprochen. Ist das die einzige Form der Bildbearbeitung?

Oliver Wendlandt: Grundsätzlich wollen wir nicht groß retuschieren, weil wir sonst die Wirklichkeit verzerren würden. Wir hatten aber zum Beispiel eine Mutter: Ihr Kind ist auf der Intensivstation verstorben. Sie hat das Kind nie ohne Schläuche gesehen. Und wir konnten nicht fotografieren, nachdem alles entfernt war. Das Kind hatte einen Schlauch in der Nase, Pflaster, und an einer Stelle eine Hautablösung. Sie hat uns gebeten, ob wir eine Möglichkeit haben, das Kind so zu zeigen, wie es ohne all das ausgesehen hätte. Das war eine umfangreiche Rekonstruktion.
Manchmal wird auch darum gebeten, Falten oder Stellen abzumildern, wenn ein Kind schon ein paar Tage tot im Bauch war und sich die oberste Hautschicht etwas löst. Dann entstehen Falten, die Eltern so nicht erwartet hätten. Aber solche Retuschewünsche sind extrem selten, weil die Eltern ihr Kind so gesehen und so geliebt haben.

Es gab auch mal jemanden, der von sich aus „alles schön“ machen wollte und Dinge entfernt hat. Da haben Eltern gesagt: „Warum hast du das Blut weggemacht? Das war da, das gehörte zu meinem Kind. Ich will das auf dem Bild haben.“

Thomas Berlin: Also steht die Dokumentation im Vordergrund.

Oliver Wendlandt: Ja. Es ist irgendwo zwischen Dokumentation und Reportage – die Dokumentation dieses Vorgangs, dieses Abschieds der Eltern.

Thomas Berlin: Lass uns über die Fotografen sprechen. Was motiviert Menschen, Sternenkinder zu fotografieren – wie war es zum Beispiel bei dir?

Oliver Wendlandt: Mein Beispiel ist ein bisschen speziell. Ich musste mich damals mit meinem eigenen Tod beschäftigen, der kurz bevorstand. Beim Surfen im Internet habe ich einen Post von Kai Gebel (Anm.: dem Gründer von Dein Sternenkind) gesehen, wo er sinngemäß schrieb: „Ich brauche Leute – alle, die mich kennen, bitte kommt.“ Bei mir war die Motivation: Ich wollte noch etwas Gutes tun, bevor ich sterbe. Mein Sterben hat sich inzwischen auf unbestimmte Zeit verschoben – was nicht verkehrt ist. Deshalb bin ich noch dabei.

Andere Fotografen sind selbst betroffen oder haben betroffene Eltern im Umfeld. Wir reden davon, dass es pro Jahr in Deutschland rund 10.000 stillgeborene Kinder, also Fehl- und Totgeburten zusammen, gibt. Also Kinder nach natürlicher Geburt, etwa ab der 14. Schwangerschaftswoche. Und es gibt kaum eine Familie, die nicht – wenn man nur ein oder zwei Generation zurückschaut – so eine stille Geburt in der Familiengeschichte hat. Nur wird darüber nicht gesprochen oder wurde lange nicht darüber gesprochen. Wir tun viel dafür, dass sich das ändert: Wir haben eine Wanderausstellung, die öffentlich gezeigt wird – nicht im geschützten Raum der Klinik, sondern in Rathäusern, Galerien, Kultureinrichtungen, Volkshochschulen. Wir suchen bewusst Öffentlichkeit. Wir halten Vorträge, werden zu Unterrichtseinheiten z.b. in Hebammenklassen gebeten.

Viele Sternenkind-Fotografen sagen: „Ich kann etwas, womit ich anderen etwas Gutes tun kann. Ich kann fotografieren.“ Und es ist befriedigend, wenn man mit der Arbeit etwas Sinnstiftendes tun kann. Das ist für viele eine starke Motivation - und ja, vielleicht ist auch ein bisschen Ego dabei. Wir sind ein Abbild der Gesellschaft: Maurer, Bäcker, Pfarrer, Ärzte – sogar eine Astronautin. Über 750 Leute.

Ich glaube, die meisten bei uns sind Betroffene – selbst oder im familiären Umfeld – und sagen: „Das darf nicht sein, dass Eltern ohne Bilder ihrer Kinder bleiben.“ Eltern, die ihre Kinder großziehen, dokumentieren die ersten Schritte, die Einschulung und so weiter. Das haben Eltern von stillgeborenen Kindern alles nicht. Und dann will ich ihnen wenigstens in diesem einen Moment das Beste geben, was ich kann. Das ist für viele die Motivation.

Thomas Berlin:„Gutes tun“ ist ja auf jeden Fall eine der schönsten Formen von Motivation. Aber was macht das mit den Fotografen? Erdet das?

Oliver Wendlandt: Das ist genau das Wort, das ich gerade sagen wollte: Es erdet. Unsere eigenen Probleme werden ziemlich klein, wenn wir sehen, was Eltern in diesen Stunden, Wochen und Monaten danach erleiden. Manche Eltern erzählen, dass der halbe Freundeskreis wegbricht, dass Leute die Straßenseite wechseln, weil sie sich nicht trauen, mit ihnen zu reden. Und wenn man die Leute dann fragt, sagen sie: „Ja, ich gehe denen aus dem Weg, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll.“ Da sage ich: Was seid ihr für Freunde? Geht hin und sagt: „Es tut mir leid, ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Aber brecht den Kontakt nicht ab.

Thomas Berlin: Wenn man nicht weiß, was man sagen soll, könnte es ja zumindest auch eine stille Umarmung geben.

Oliver Wendlandt: Ja. Hauptsache, man zeigt ein gewisses Maß an Anteilnahme. Ich habe manchmal das Gefühl, das wird in unserer Gesellschaft eher schwieriger statt besser, weil sich jeder nur noch um sich selbst kümmert.

Thomas Berlin: Wobei eure Fotografen da ja eine gewisse Ausnahme sind. Wie wählt ihr die Fotografen aus? Meldet sich jemand und ist dann einfach dabei – oder schaut ihr erstmal, ob die Person zur Aufgabe passt?

Oliver Wendlandt: Wir haben einen standardisierten Bewerbungsprozess: Erst informiert man sich über unsere ehrenamtliche Arbeit, dann werden DSGVO-Erklärung und Bewerbungsformular ausgefüllt, inklusive kurzer Videos, Angaben zum Equipment und einem Portfolio. Im Portfolio wollen wir sehen, dass jemand fotografisch sicher ist und eine eigene Bildsprache hat – weg von der „Nik-Filter-Phase“, hin zu sauberer Bearbeitung. Wichtig sind Nahaufnahmen, schwieriges Licht und eine gute Schwarz-Weiß-Ausarbeitung (nicht nur ein Klick, sondern bewusst gearbeitet).

Außerdem brauchen wir eine Equipment-Liste: Smartphone oder Bridgekamera reichen nicht. Ein rauschärmerer Body (Vollformat bevorzugt, APS-C geht) und lichtstarke Wechselobjektive im kürzeren Brennweitenbereich sind wichtig; ein Makro ist kein Muss, aber wenn keines vorhanden ist machen Zwischenringe oder eine Nahlinse Sinn.

Thomas Berlin: Du hast jetzt die fotografischen Fähigkeiten und die Ausrüstung beschrieben. Kommen wir noch zu den menschlichen Eigenschaften die eure Fotografen haben sollten bzw. nicht haben sollten.

Oliver Wendlandt: Wir schauen kurz, aber nicht übermäßig intensiv, auf Social-Media-Profile. Politische Ansichten sind dabei nicht unser Thema – schwierig wird es eher, wenn jemand sehr abdriftet oder belehrend wirkt. Wir dürfen Eltern nicht in irgendeine Richtung beeinflussen.

Wir sind keine Trauerbegleiter, sondern Fotografen: Wir machen Bilder – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Deshalb brauchen wir Menschen, die empathisch, aber zurückhaltend sind und keine übermäßige Nähe erzwingen. Sonst kann das im Extremfall sogar zu Grenzüberschreitungen führen.

Für neue Fotografen ist nach der Bewerbung ein verpflichtendes Mentorengespräch vorgesehen, damit wir auch ein Gefühl dafür bekommen, wie jemand tickt. Einsätze bei uns sind immer freiwillig: Niemand muss annehmen, und wir fragen nicht nach Gründen. Wer ein Jahr lang keinen Einsatz fährt, wird aus Kostengründen still aus dem System genommen.

Thomas Berlin: Wie geht es weiter?

Oliver Wendlandt:  Wer aufgenommen wird, muss sich anschließend per Postident identifizieren. Es gab bereits Identitätsbetrug, und wir wollen verhindern, dass Fake-Accounts unsere Systeme missbrauchen oder sich jemand fälschlich als Teil von DSK ausgibt.

Thomas Berlin: Also ihr wollt auch kommerzielle Ambitionen unterbinden.

Oliver Wendlandt: Genau. Kommerziell geht bei DSK gar nichts. Alles, was wir anbieten, ist vollumfänglich kostenlos. Wenn eine Familie aber zum Beispiel zwei Jahre nach der stillen Geburt ein gesundes Kind bekommt und den Fotografen fragt, ob er eine Taufe fotografiert, darf er das selbstverständlich ganz normal abrechnen – das ist dann kein DSK-Einsatz.
Aber die Fotografen verpflichten sich, den Eltern keinerlei kommerzielle Angebote von sich aus zu unterbreiten. Ein Fotograf darf also nicht versuchen, eine Fotoleinwand vom Sternenkind zu verkaufen oder ähnliche Dinge. Das ist untersagt.

Thomas Berlin: Wie viele Bilder gibt ein Fotograf typischerweise ab?

Oliver Wendlandt: Grundsätzlich bekommen die Eltern alle gelungenen Fotos. Das können mal nur sechs oder zehn sein– es hängt vom Zustand des Kindes und den Möglichkeiten ab. Manche geben auch mal 100 Bilder ab, aber irgendwo dazwischen. Ich denke, oft sind es so um die dreißig.

Wir bekommen von Saal Digital einige Bilder pro Einsatz kostenlos gedruckt – darauf wartet der Fotograf in der Regel. Dann gibt es einen schönen Brief an die Eltern mit einem USB-Stick oder alternativ die Möglichkeit zum Download von unseren Servern. Die Fotografen können einen mit Passwort geschützten Link generieren und den an die Eltern geben. Nur die Eltern können damit die Bilder herunterladen.  Und wir achten darauf, dass es mehrere „Schritte“ braucht, bis Eltern die Bilder wirklich sehen. Wir wollen zum Beispiel, dass die Prints nicht offen im Karton oder Umschlag liegen, sondern in einem weiteren, verschlossenen Umschlag – sodass die Eltern aktiv entscheiden können: „Wann möchte ich schauen, wann nicht?“

Ich sage den Eltern immer: Selbst wenn ihr euch jetzt nicht vorstellen könnt, Bilder von eurem Kind zu haben – ihr wisst heute nicht und ihr könnt heute nicht rational entscheiden. Ihr habt gerade euer Kind verloren. Vielleicht sind euch die Bilder in fünf Jahren wichtig. Dann habt ihr sie in der Schublade und könnt sie ansehen. Wenn ihr sie nicht machen lasst, werdet ihr sie nie ansehen können.

Thomas Berlin: Das ist wie das Beispiel, das du genannt hast, wo die CD mit dem Video jahrelang im Schließfach liegt.

Oliver Wendlandt: Die Entscheidung, das eigene tote Kind fotografieren zu lassen, trifft man im schlechtestmöglichen Zustand. Deshalb sage ich: Ihr müsst die Bilder nicht sofort anschauen – ihr könnt sie auch für später weglegen und irgendwann entscheiden. Viele ältere Betroffene schreiben uns, wie sehr sie sich rückblickend auch nur über ein einziges Foto gefreut hätten.

Thomas Berlin: Wenn ich an eure Fotografen denke, dann sind das vermutlich empathische Menschen, weil sie etwas Gutes tun wollen. Wie schafft man es dass man persönlich nicht ausbrennt oder selbst in tiefe Trauer verfällt? Oder ist das eine Befürchtung, die in der Praxis gar nicht so relevant ist?

Oliver Wendlandt: Das kann passieren. Wir haben Fotografen, die übermotiviert einsteigen, am Anfang in den ersten drei bis fünf Monaten sehr viele Einsätze machen und dann plötzlich abbrechen – und dann sieht man sie nie wieder. Das gibt es. Wir haben Leute, die dauerhaft viele Einsätze fahren. Und wir haben Leute, die zwei, drei, vier Einsätze im Jahr machen – und damit geht es meistens gut. Und ja, die Fotografen sind empathisch – sonst hätten sie sich gar nicht bei uns angemeldet.

Wichtig ist: Neue Fotografen werden durch die Mentoren abgeholt. Wenn sie wollen, werden sie beim ersten Einsatz bis zur Krankenhaustür begleitet und danach telefonisch sofort wieder „abgeholt“.

Thomas Berlin: Heißt das, dass die Fotografen bei euch nachbetreut werden können?

Oliver Wendlandt: Ja. Wir haben auch Kriseninterventionskräfte in unseren Reihen, die zur Verfügung stehen, wenn jemand nach einem Einsatz Schwierigkeiten hat. Das ist ähnlich wie bei der Feuerwehr: Wenn Unfälle passieren, gibt es Kräfte, die unterstützen, Gedanken sortieren, und notfalls auch Hilfe organisieren. Das brauchen wir aber relativ selten, weil die Gemeinschaft sich gegenseitig hilft.

Wenn die Kollegen mitkriegen, dass jemand seinen ersten Einsatz fährt, kannst du ziemlich sicher sein, dass fünf, sechs Leute aus der Region schreiben: „Wenn du danach telefonieren willst, ruf mich an.“ Und wir haben tausende Einsatzberichte, wo Fotografen ihre Einsätze aufschreiben. Das hilft vielen: Wenn man sich das von der Seele schreibt und Rückmeldungen bekommt, geht es einem besser.

Ich selbst habe eine andere Strategie: Wenn ich ein Sternenkind fotografiert habe, lasse ich die Bilder erstmal auf der Kamera und gehe dann mit meiner Frau in die Sauna oder wir gehen gut essen – und mache erst am nächsten Tag weiter. Es nimmt einen immer irgendwo emotional mit.

Ich hatte einen Einsatz, da habe ich erst eine Nottaufe begleitet. Danach sind wir in ein anderes Zimmer – Neonatologie. Das Kind war früh geboren, 25. Woche, war sechs bis acht Wochen im Brutkasten, alles lief gut, es nahm zu, trank, aß. Dann bekam es eine Darminfektion, die nicht mehr unter Kontrolle zu bringen war. In dem anderen Raum wurden Schmerzmittel gegeben, die Maschinen abgeschaltet, nur noch das EKG lief. Da waren drei, vier Hebammen oder Pflegekräfte, die sich wochenlang gekümmert hatten, die Eltern, eine Seelsorgerin – und ich. Wir haben gemeinsam geweint. Es hat fast zehn Minuten gedauert, bis das Kind tatsächlich verstorben war. Am Anfang war es noch orientiert, hat nach den Fingern der Eltern gegriffen, hatte die Augen offen. Das kann einen schon anfassen.

Und das ist vielleicht einer der wichtigsten Sätze bei dieser Art Ehrenamt: Mitfühlen – ja. Mitleiden – nein. Distanz halten – ja.

Thomas Berlin: Ist das wie im Krankenhaus, dass die Ärzte und Pflegekäfte alles tun, aber es letztlich nicht zu dicht persönlich an sich heranlassen dürfen, weil sie sonst gar nicht funktionieren würden?

Oliver Wendlandt: Genau. Das ist auch bei Feuerwehrleuten so. Die müssen in den Einsatz, wissen nicht, was auf sie zukommt, und müssen danach wieder gesund raus. Mitfühlen kann man – ja. Aber mitleiden ist der falsche Weg. Sonst kann einen das auf Dauer so anfassen, dass es nicht mehr gesund ist.

Aber wir haben tatsächlich extrem seltene Fälle, in denen Fotografen wirklich Probleme bekommen. Man kann die Zahl der Einsätze reduzieren oder aussteigen. Und das ist okay. Aber die, die es probieren: Wer einmal ein Sternenkind fotografiert hat, macht es in der Regel immer wieder. Die wenigsten fahren nur einen Einsatz und sind danach nie mehr gesehen.

Thomas Berlin: Gesund rauskommen – das ist ein wichtiges Stichwort. Bleiben wir noch einen Moment dabei.

Oliver Wendlandt: Ich nenne das persönliche psychosoziale Hygiene. Es ist immer gut, ein Umfeld zu haben, mit dem man über einen Einsatz reden kann. Das kann der Partner sein, das können aber auch Kollegen bei uns sein, die solche Situationen kennen und ihre Bewältigungsstrategien teilen. Ich sage immer: Viele stellen sich das fürchterlich vor. Ich werde regelmäßig gefragt: „Ich spiele schon seit zwei Jahren mit dem Gedanken, Sternenkind-Fotograf zu werden.“ Das kann ich gar nicht nachvollziehen. Bei mir war das eine Entscheidung von Sekunden: Ja, das mache ich. Wirklich Sekunden.

Thomas Berlin: Es gibt aber auch Leute, die emotional intensiv reagieren und die denken dann: „Ich bin den Eltern vielleicht gar keine Hilfe, wenn ich selbst so betroffen bin.“

Oliver Wendlandt: Erstmal ist unsere Kamera ein Riesenschutzschild. In dem Moment, wo das Ding am Auge ist, machen wir unsere Arbeit. Und das gilt nicht nur für Berufsfotografen, sondern auch für Autodidakten. Und unisono sagen alle: „Ich habe mir das viel schlimmer vorgestellt, als es in Wirklichkeit ist.“ Man kann das. Natürlich kommt man nach einem Einsatz anders raus – aber positiv anders. Weil die eigenen Sorgen plötzlich im Hintergrund stehen. Man wird geerdet und geht mit dem Gefühl raus: Ich habe Eltern gerade ein großes Geschenk gemacht. Und so sind auch die Rückmeldungen der Eltern.

Wir zeigen regelmäßig – jeden Tag, jeden zweiten Tag – Bildfreigaben von Eltern. Wir rufen die Eltern nicht an und bitten darum. Wir haben ein Formular dafür. Ich sage den Eltern: „Lest euch das zu Hause durch, wenn ihr die Bilder angeschaut habt. Wenn ihr es zurückschickt, ist es schön. Wenn nicht, werde ich niemals nachfragen.“ So läuft es bei allen. Und Eltern kommen von sich aus auf uns zu und sagen: „Ich möchte, dass ihr mein Kind zeigt, weil es in unserem Leben war.“ Diese Kinder sollen nicht verschwiegen werden. Sie sollen sichtbar sein.

Thomas Berlin: Sie wollen ihr Kind also nicht verstecken …

Oliver Wendlandt: Genau, bei vielen hängt ein Bild im Wohnzimmer, großformatig an der Wand – oder bei den Familienbildern von Oma, Opa, Geschwistern, Tante, Onkel. Und dann ist da eben auch ein Bild dabei, das ein Sternenkind-Fotograf gemacht hat. Diese Wertschätzung ist schon erfüllend, das muss man sagen.

Thomas Berlin: Du hast eben zwei Dinge genannt, die ein weiteres Thema  berühren: „Nottaufe“ und „streng katholische Gegend“. Das bringt mich zur Frage: Inwieweit berührt Religion eure Arbeit?

Oliver Wendlandt: In den Kliniken ist das eigentlich kein Thema mehr. Am Anfang war es so, dass kirchliche Träger schwieriger zu überzeugen waren, dass unsere Arbeit Sinn macht, als städtische Kliniken. Aber das ist vorbei. Ein Thema ist es teilweise noch bei muslimischen Familien. Da ist es oft so, dass die jungen Eltern es möchten – und wenn dann das Familienoberhaupt davon erfährt, gibt es manchmal Ablehnung.

Thomas Berlin: Wie viele Fotografen arbeiten derzeit mit euch für die Eltern von Sternenkindern?

Oliver Wendlandt: rund 700 sind wir zurzeit.

Thomas Berlin: Wie oft wird ein Fotograf im Durchschnitt alarmiert?

Oliver Wendlandt: In Ballungsräumen häufiger als zum Beispiel in Brandenburg. In Brandenburg haben wir relativ wenig Fotografen, aber auch extrem wenig Geburten, weil der Bevölkerungsmix anders ist. Viele Frauen im gebärfähigen Alter sind abgewandert und zum Beispiel in Berlin oder anderen Bundesländern.

Thomas Berlin: Seid ihr genug Fotografen für die Aufgabe?

Oliver Wendlandt: Nein, wir haben Not, genug Fotografen zu finden. Wir haben in den letzten zwei Jahren mit rund 700 Fotografen jährlich über 4.700 Einsätze gefahren – und das muss auf mehr Schultern verteilt werden. Vergüten können wir das nicht, denn es ist ein Ehrenamt und dann zieht man unter Umständen die falschen Leute an. Wir suchen über Social Media und werden in diesem Jahr auch noch Anzeigen in Printmedien schalten, um weitere Fotografen zu finden.

Thomas Berlin: Das heißt: Man kann euch unterstützen, indem man darüber spricht – oder, noch besser, indem man sich als Fotograf bei euch bewirbt.

Oliver Wendlandt: Genau. Berufsfotograf muss niemand sein. Man muss das Herz am rechten Fleck haben – und das hat man eigentlich schon, wenn man überhaupt darüber nachdenkt. Man sollte fotografieren können – wir bewerten das anhand des Portfolios, wie bereits gesagt,

Thomas Berlin: Du bist ja der zentrale Ansprechpartner der Stiftung. Mich interessiert: Wie sieht dein Alltag ganz praktisch aus – Koordination, Organisation, Krisenfälle? Das ist wahrscheinlich anders als ein normaler Bürojob.

Oliver Wendlandt: Mein Tag beginnt morgens, und ich bin froh, wenn das Telefon mal zwei Stunden nicht klingelt – tut es aber fast nie. Dazu kommen grob 200 E-Mails am Tag. Ich organisiere auch Messen und Logistik. Wir holen immer wieder erfahrene Fotografen ins Team, die mithelfen.

Alle arbeiten bei uns ehrenamtlich, auch die Stiftungsleitung. Ich sage immer: „Ich arbeite etwa sechs Stunden am Tag für die Stiftung“ – und meine Frau sagt: „Lüg die Leute nicht an, es ist viel mehr.“ Faktisch ist das für die Leute, die den Laden am Laufen halten, fast ein Vollzeitjob – nur eben in der Freizeit.

Thomas Berlin: Wie alt sind eure Fotografen?

Oliver Wendlandt: Zwischen 40 und 50 ist bei uns der Schwerpunkt – gefestigte Leute, die ihren Platz im Leben gefunden haben. Wir haben auch ganz junge Fotografen, aber eher als Minderheit.

Thomas Berlin: Du sagst, ihr habt nicht genug Fotografen. Gibt es manchmal Situationen, dass Eltern oder Kliniken bei euch anrufen – und ihr müsst sagen: „Tut uns leid, wir haben gerade keinen“?

Oliver Wendlandt: Ja. Wir sind eine Freiwilligenorganisation, wir können leider keine 100 Prozent anbieten. Absagen halten sich aber im niedrigen einstelligen Prozentbereich.Wir hatten früher mal drei Jahre, wo das ging – aber damals hatten wir 400 Einsätze im Jahr, jetzt 4.700 bei nicht viel mehr Fotografen als damals.

Thomas Berlin: Also tatsächlich Knappheit. Könnt ihr dennoch etwas tun, auch wenn kein Fotograf zur Verfügung steht?

Oliver Wendlandt: Ja, wir haben ein gutes Bildbearbeitungsteam. Dann erklären wir den Eltern, wie sie zum Beispiel mit dem Smartphone gute Fotos machen können, und unser Bildbearbeitungsteam bereitet das dann vernünftig auf. Aber das ist nur eine Notlösung.

Thomas Berlin: Was wird in der Öffentlichkeit bei Sternenkindern und Sternenkinder-Fotografie am häufigsten falsch verstanden? Gibt es ein Missverständnis, mit dem du gern aufräumen würdest?

Oliver Wendlandt: Es gibt tatsächlich Leute, die glauben, wir würden damit Geld verdienen. Das liest man manchmal unter unseren Social Media Posts. Wir haben den Deutschen Engagementpreis für das Ehrenamt gewonnen, und unser Gründer hat das Bundesverdienstkreuz für den Aufbau bekommen – wir machen das wirklich ehrenamtlich.

Thomas Berlin: Gibt es aus eurer Erfahrung etwas, was den betroffenen Eltern noch helfen könnte?

Oliver Wendlandt:  Eine Hebamme hat mal zu mir gesagt: „Wir Hebammen sind für die Lebenden zuständig. Für die Toten haben wir leider keine Zeit.“ Und genau wegen der fehlenden Zeit fühlen sich Eltern oft allein gelassen. Die Hebammen und das Pflegepersonal hätten gerne diese Zeit, den Eltern beizustehen. Ich wünsche mir ein Umdenken in der Gesundheitsversorgung: Häufig ist es so, dass die Mutter nach der Geburt – wenn es keine OP gab und das Kind sehr klein war – schnell nicht mehr als Patientin gilt. Jede Stunde in der Klinik kostet Geld, und das spüren Eltern.

Dabei bräuchten sie Zeit, um im geschützten Raum Abschied zu nehmen. Hier ist die Wassermethode ein Segen, weil sie den Zeitraum verlängert und das Kind behutsam bewahrt. Gerade bei sehr frühen Geburten kann der Körper durch den Geburtsvorgang verändert wirken; nach wenigen Stunden im Wasser lösen sich Verklebungen, das Kind nimmt wieder eine natürliche Haltung ein – und Eltern trauen sich eher, hinzusehen und zu berühren.

Mein Wunsch wäre deshalb: eine Mindestzeit von 2-3 Tagen im Zimmer, ohne Druck, die Klinik nach Stunden verlassen zu müssen. Denn wenn das Kind aus dem Zimmer getragen wird, ist das für viele Eltern das letzte Mal, dass sie es sehen – diesen Zeitpunkt sollten sie selbst bestimmen können. Mit mehr Zeit könnten auch Seelsorger, Selbsthilfegruppen oder Hospizvereine – wenn die Eltern das möchten – schon in der Klinik ansetzen, statt dass Eltern später alles an Hilfsangeboten alleine suchen müssen. Eine Trauerforscherin hat mal zu mir gesagt: Je besser Eltern am Anfang begleitet werden und je mehr Erinnerung möglich ist, desto weniger Folgekosten entstehen später in der psychotherapeutischen Nachsorge. Trauer bleibt – aber mit guter Begleitung wird sie weniger.

Thomas Berlin: Die ersten Stunden und Tage sind also besonders wichtig …

Oliver Wendlandt: Ja, finde ich schon. Aber das ist in der Gesundheitspolitik wahrscheinlich eine Utopie – aus Kostengründen.

Thomas Berlin: Das, was ihr Sternenfotografen macht, hat mich schon vorher beeindruckt, sonst hätte ich dich nicht um das Interview gebeten. Aber so wie du es geschildert hast, beeindruckt mich zusätzlich, dass neben gutem Willen und Empathie auch so viel professionelles Management dahintersteht.

Oliver Wendlandt: Die Stiftung läuft im Endeffekt wie eine Firma: Corporate Identity, Marketing, Unterstützung, wo wir können. Wir haben immer ein offenes Ohr. Wir haben kleine Abteilungen. Wir mögen keine Hierarchie im klassischen Sinn, sondern sagen: Jeder hat eine Aufgabe.

Thomas Berlin: Ich denke, euer Erfolg liegt auch darin, dass Eltern das bekommen, was ihr euch vornehmt – und dass alles möglichst reibungslos läuft. In so einer Situation darf nicht noch zusätzlich etwas schieflaufen.

Oliver Wendlandt: Genau - was wir entwickelt haben, gilt mittlerweile vielerorts als Best Practice. Wir werden teilweise eins zu eins kopiert – auch bei der Software. Selbst in den USA. Wenn ich das sehe, bin ich schon ein Stück stolz.

Das funktioniert nur, weil alles ineinandergreift: Fotografen, Koordination, Bildbearbeitung, Mentoren. Dadurch werden wir in Kliniken als sehr professionell wahrgenommen. Und wir bleiben bewusst bei unserem Kern: Wir machen Fotos. Trauerbegleitung ist extrem wichtig, aber nicht unsere Aufgabe – dafür verweisen wir auf Selbsthilfegruppen oder Hospizvereine.

Thomas Berlin: Oliver, aus unserem Gespräch nehme ich vor allem mit, wie viel guter Wille, Sorgfalt und Verantwortung hinter eurer Sternenkinderfotografie stehen – und wie wichtig diese Bilder für viele Familien sein können. Ich habe großen Respekt vor allen, die eure ehrenamtliche Arbeit mittragen. Vielen Dank für deine Zeit und deine Offenheit.


Die Dein Sternenkind Stiftung unterstützt Familien, die ihr Kind vor, während oder kurz nach der Geburt verlieren. Ehrenamtliche Fotografen schaffen in diesen schweren Momenten bleibende Erinnerungen – würdevoll, einfühlsam und unentgeltlich. Im Mittelpunkt stehen dabei ausschließlich die Bedürfnisse der Eltern. Ziel ist es, Eltern eine greifbare Erinnerung an ihr Kind zu schenken und ein verlässliches Netzwerk vorzuhalten, das schnell und respektvoll hilft.

Oliver Wendlandt ist Vorsitzender, Stiftungsratsvorsitzender und zentraler Ansprechpartner der Stiftung.

Website: https://dein-sternenkind.eu/

Bewerbung als Fotograf: https://dein-sternenkind.eu/bewerbung/

Email: info@dein-sternenkind.eu


Feedback zum Interview gern hier.




Thomas Berlin

Thomas Berlin is a fine art photographer, artist interviewer, and photo book publisher. He lives and works near Frankfurt am Main, Germany.

https://thomasberlin.net
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