Jens Pepper im Gespräch mit Thomas Berlin

 

Jens Pepper

is book author and an expert in contemporary Polish photography and the photography scene in Berlin. We talked about photographers, the art market in Berlin and whether there is a national or global view of photography. This interview was done in German.

Image: Lutz Stellmacher

 

Thomas Berlin: Jens, Du hast vor einigen Jahren ein Buch über künstlerische Fotografie in Polen geschrieben, nachdem Du Dich intensiv mit der dortigen Fotografie beschäftigt hattest. Dann kam Dein Buch über die Fotoszene in Berlin, wo Du auch lebst. Neulich sagtest Du, dass Du Dich inzwischen mit Amsterdam beschäftigst. Bist Du ein Entdeckertyp, im Sinne eines Forschers oder warum arbeitest Du an derart aufwändigen Projekten?

Jens Pepper: Als Forschertyp sehe ich mich nicht, obwohl es natürlich eine Art Grundlagenforschung ist, die ich da betreibe. Ich sehe mich eher als Archivar, denn ich sammle Geschichten, die ich, indem ich sie in Zeitschriften, Büchern und online publiziere, interessierten Menschen jetzt und in Zukunft zur Verfügung stelle. Aber das kann jeder so benennen wie er oder sie es möchte.

Es sind übrigens Interviews, die ich in den Büchern veröffentliche und kaum Texte. In "Gespräche über polnische Fotografie" habe ich 30 Konversationen mit Fotografen und Fotografinnen unterschiedlicher Arbeitswelten, von Journalismus über Mode und Werbung bis hin zur künstlerischen Fotografie, sowie mit Galeristen, Kuratoren, einem Sammler, einer Fotobuchistorikerin etc. veröffentlicht. "In Fotoszene Berlin" sind es 25 Interviews, die ebenfalls mehrere Generationen von Kreativen und Vermittlern zusammenbringen. Beide Bücher waren für die jeweiligen Regionen - Polen und Berlin – die ersten ihrer Art. In Amsterdam war ich im Januar, weil ich in diesem Jahr ein Buch über die Fotoszene der Niederlande machen möchte. Ich werde also noch mehrmals in das Land reisen, auch nach Rotterdam und wo immer ich sonst noch interessante Menschen aus der Fotoszene treffen kann. Die Interviews mache ich dann allerdings nach einem Kennenlernen online, also per Email, immer eine Frage zur Zeit; und wenn dann die Antwort kommt, reagiere ich auf diese und schicke meine nächste Frage. Das ist eine äußerst angenehme Art der Gesprächsführung, weil sich so das stundenlange Abhören von Tonaufnahmen vermeiden lässt. Da sich kaum Geld mit solchen Projekten verdienen lässt, möchte ich zumindest die Arbeitszeit so gering wie möglich halten, wobei ich für das Polenbuch, inklusive der Übersetzung der auf Englisch geführten Interviews ins Deutsche, rund 700 Arbeitsstunden investiert habe. Das war es mir aber Wert. Ich habe dadurch eine mir bis dahin fremde Fotoszene kennengelernt und viele tolle Menschen getroffen. So ein Projekt dient natürlich auch der Netzwerkbildung. Daran habe ich großen Spaß.

Thomas Berlin: Das bedeutet, Du erschließt Dir und Deinen Lesern einen fotografischen Bereich, wie z.B. Polen, über Interviews. Wie recherchierst Du potenzielle Interviewpartner und wonach wählst Du diese aus? Wieviel Prozent der Angefragten machen eigentlich mit?

Jens Pepper: Kurz bevor ich 2016 für eineinhalb Jahren nach Warschau zog, hatte ich das Glück, durch Vermittlung meines damaligen Galeristen Manfred Carpentier die polnisch-deutsche Fotokünstlerin georgia Krawiec kennenzulernen, die erst kurz zuvor von Warschau nach Berlin gezogen war. Sie nannte mir die Namen von ihrer Meinung nach wichtigen Fotografen und fotografierelevanten Galeristen, Vermittlern und Autoren, die in der polnischen Hauptstadt leben und gab mir deren Kontaktdaten. Ihre Vorschläge waren allesamt Gold wert und stellten die Basis für meine Recherchen und das Buch dar. Unter den Genannten war z.B. die Theaterfotografin Magda Hueckel, die auch Autorin eines beeindruckenden fotokünstlerischen Werks ist und gemeinsam mit ihrem Ehemann Thomas Sliwinski gerade erst für einen gemeinsam gemachten Kurzfilm für einen Oscar nominiert worden war. Andere Tipps waren der polnischstämmige Brite Chris Niedenthal, ein seit den 1970er Jahren in Polen ansässiger Fotoreporter, der in den 1980er Jahren für TIME und Newsweek tätig war, der Gewinner eines World Press Photo Awards ist, und der nach wie vor, inzwischen mit polnischem Pass, in Warschau lebt, sowie der Kurator und Kritiker Adam Mazur, dessen Buch "The Decisive Moment - New Phenomena in Polish Photography Since 2000" mir erste, tiefergehende Einblicke in die zeitgenössische Fotografie des Landes vermittelte. Da ich kommunikativ und neugierig bin, habe ich die insgesamt 30 Gesprächspartner für das Buch dann relativ schnell und unkompliziert gefunden. In Polen lag die Quote der positiven Antworten auf ein Interview bei ca. 95%. In Berlin habe ich von allen Anfragen zwei Absagen erhalten, ein Gespräch wollte ich wegen der verlangten Voraussetzungen von mir aus nicht beginnen und eine Gespräch mit einer bekannten Fotohändlerin habe ich abgebrochen, weil ihre Arroganz und offensichtliche Lustlosigkeit einfach nur nervig war. 25 Interviews waren dann aber ganz famos und fügen sich zu einem spannenden Buch.

Jens Pepper: Gespräche über polnische Fotografie, KLAK Verlag, Berlin, 2017

Jens Pepper: Gespräche über polnische Fotografie, KLAK Verlag, Berlin, 2017

Thomas Berlin: Wie hast Du die polnische Fotoszene empfunden? Es wäre auch spannend, zu erfahren, welche Motive und Stimmungen vorherrschen und wie die Fotokunst dort in in der Gesellschaft steht. Kannst Du diese Dinge beschreiben ohne einen Vergleich mit Deutschland zu ziehen? Denn auf den kommen wir noch.

Jens Pepper: Die polnische Szene ist wie alle anderen auch. Jeder und jede sucht Anerkennung und Erfolg, die Kreativen ebenso wie die Vermittler. Was nicht vorhanden ist, zumindest nicht in ausreichendem Maße, ist das kommerzielle Umfeld. In Polen selbst lässt sich nur schwer ein Einkommen aus Fotografie gewinnen. Klar, es gibt erfolgreiche Modefotografinnen, wie Zuza Krajewska, die auch von Warschau aus ein gutes Einkommen generiert, wobei sie in Paris oder London wohl ein Vielfachen verdienen würde. Oder schau Dir Rafal Milach an, seit 2018 im Nominiertenstatus bei Magnum, er kann sicherlich auch von seiner Arbeit leben. Aber insgesamt fehlt es in Polen an finanzkräftigen Käufern und finanzstarken Museen, was insbesondere für die künstlerische Fotografie und ihre Galeristen ein echtes Handicap darstellt. Deswegen verlassen auch viele Fotografen und Fotografinnen das Land. Alicja Dobrucka beispielsweise lebt in London und Bombay oder Katarzyna Mazur in Berlin. Und andere versuchen zumindest auf dem Kunstmarkt im Ausland Fuß zu fassen, obwohl ihr erster Wohnsitz in Polen ist. Das gelingt ja auch einigen, wie z.B. Pawel Jaszczuk. Das bedeutet natürlich nicht, dass in Polen gar nichts verkauft und gekauft wird, aber der Kunstmarkt steckt noch in den Kinderschuhen und ist definitiv ausbaufähig. Was in Polen funktionert, das ist die Aufmerksamkeit. Zwar nur innerhalb einer Blase, aber wer als Pole in Polen Kunst und Fotografie auf hohem oder zumindest professionellem Niveau betreibt, der erfährt in Fachkreisen schnell Anerkennung, ich denke, auch schneller als beispielsweise in Deutschland. Zu den Motiven und Stimmungen: In einer globalisierten Welt gibt es keine ausgeprägten nationaltypischen Pfade mehr, auch nicht in der polnischen Fotografie. Es gibt kreative und außergewöhnliche Individuen, aber die gibt es in allen Ländern. Deshalb würde ich auf formaler Ebene auch keinen Vergleich mit Deutschland anstreben. Je jünger die Generation, umso stärker gleichen sich die formalen Herangehensweisen zwischen den nationalen Szenen an, zumindest in Europa und Nordamerika, eigentlich auch darüber hinaus. Auch die Inhalte sind ziemlich ähnlich, da sich die Künstler und Fotografen mit denselben Dingen beschäftigen wie wir in Deutschland. Wir sind Nachbarländer in der Mitte Europas. Eine befreundete polnische Kuratorin, Grazyna Siedlecka, hält es allerdings für eine enorme Herausforderung für Kreative in Polen, unter der nationalkonservativen PiS-Regierung arbeiten zu müssen, da diese nach Belieben Kulturbudgets vergibt, kürzt oder streicht, viele Medien kontrolliert, die Gerichte gleichschaltet und Teile der Gesellschaft aufwiegelt, beispielsweise gegen Schwule, Lesben und Transgender.

Thomas Berlin: Wenn sich die Herangehensweisen zwischen den nationalen Szenen immer mehr angleichen, werden Unterschiede vielleicht im Wesentlichen in der Individualität des Künstlers als in der Nationalität zu finden sein. Das würde tendenziell auf eine weitere Globalisierung des Kunstgeschmacks, der Kunstproduktion oder des Zeitgeists hinaus laufen, zumindest in der westlichen Welt. Dennoch mag es Orte geben, die Einfluss auf das küntlerische Werk nehmen. Da Du den Einfluss der nationalkonservativen Regierung in Polen ansprichst: siehst Du in der dortigen Kunstszene eher eine Anpassung an konservative Normen, z.B. um Kulturförderung oder Ausstellungsmöglichkeiten zu erhalten? Denkbar wäre für mich auch noch eine stärkere Auslandsorientierung dortiger Künstler oder sogar ein kultureller Gegenentwurf. Wie kann man das einordnen?

Jens Pepper: Ja, ich denke auch, dass es vor allem auf die Künstler selbst ankommt. Wirklich kreative Geister finden immer neue, ungewohnte Wege, um sich auszudrücken. In der Aktfotografie beispielsweise sind es der 2017 sehr jung verstorbene Chinese Ren Hang und der Amerikaner Ryan McGinley, die in den letzten eineinhalb Jahrzehnten wirklich neue Impulse geliefert haben.

Ich bin jetzt seit zweieinhalb Jahren weg aus Warschau und habe nicht mehr den täglichen direkten Kontakt zur Szene, aber nach dem was ich so mitbekomme und in Gesprächen gesagt bekomme, gibt es sowohl Kulturschaffende, die sich dem Regime anbiedern, um weiterhin Förderungen, Ausstellungs-, Auftritts- und Veröffentlichungsmöglichkeiten außerhalb eines rein privaten Geschäftsrahmens zu erhalten, als auch Menschen, die sich in ihrer Arbeit nicht beeinflussen lassen. Es gibt ja bisher keinerlei Verbote, was das künstlerische Schaffen in Polen angeht. Aber ein Familienvater, der nicht einfach mal so das Land verlassen kann, wird sich eventuell selber zensieren, um Stipendien, Druckkostenzuschüsse oder institutionelle Ausstellungs- und Auftrittsmöglichkeiten nicht zu verlieren.

Thomas Berlin: Insofern gibt es dann eben schon eine Prägung in Abhängigkeit davon, wo man Kunst produziert. Kommen wir zum Standort Berlin. Eine Stadt in der viele Kunstschaffende leben und arbeiten. Ich möchte mit Dir, als Kenner der Berliner Szene, zunächst darüber sprechen, inwieweit die Stadt die Kultur prägt. Später werden wir auch über den Kunstmarkt dort sprechen. Aber zurück zur prägenden Wirkung dieser Stadt auf den kreativen Geist. Was sind dafür die generellen Voraussetzungen und wie sieht das speziell in Berlin aus?

Jens Pepper: Berlin ist wie fast alle westlichen Großstädte multikulturell und lässt Menschen, die in ländlichen Regionen, kleinen Ortschaften und kleinen Städten nicht nach ihrer Facon leben könnten, Freiraum. Freiraum um sich zu entfalten, ohne gleich kritisiert, gemobbt oder sonstwie eingeschüchtert und behindert zu werden, wenn man etwas macht, das man persönlich für richtig und angemessen hält, das anderen aber gegen den Strich geht oder nicht in deren Weltbild passt. Irgendwie lässt sich der mittelalterliche Spruch "Stadtluft macht frei" auch heute noch anwenden. Dazu kommt, dass sich hier in den frühen 90er Jahren eine großartige Clubszene entwickelt hat und die Stadt auch einen Boom in Sachen Galerien und Ausstellungsorte erlebte, was Berlin für ein Vierteljahrhundert zu einem führenden Zentrum der Kunstproduktion und des privaten Ausstellungswesens werden ließ, nicht aber zu einem wichtigen Marktplatz für Kunst. Das ging damals, nach der Wende, weil hier so viel günstige Immobilien zu mieten und zu kaufen waren. Das hat international junge Menschen angezogen, auch sehr viele Kreative. Das alles ändert sich seit ein paar Jahren natürlich massiv; es ist nicht mehr so einfach für junge Menschen, sich ohne viel Geld auf die Herstellung von Kunst, Fotografie, Literatur, Musik usw. zu fokussieren. Die Übergentrifizierung ist dabei, Berlin das zu nehmen, was die Stadt viele Jahre ausgemacht hat. Natürlich geht es hier immer noch sehr liberal zu, so dass ich nicht denke, dass wir demnächst einen Exodus von Kreativen erleben werden, aber die Stadt ist seit ein paar Jahren dabei, sich erneut tiefgreifend zu verändern. Da entstehen natürlich auch wieder neue Themen, die künstlerisch aufgegriffen werden können. 

Thomas Berlin: Die Gentrifizierung, die Du ansprichst, ist leider eine Entwicklung, die es in London und New York in den letzten Jahrzehnten auch schon gegeben hat. Es wird also auch in Berlin schwieriger für das oft wenig kaufkräftige kreative Potenzial. Aber ich glaube auch nicht, dass wir eine große Abwanderung sehen werden, wie in den beiden anderen Städten. Du sagst, dass die Bedeutung Berlins als Standort für Kunstproduktion und Ausstellungen nicht einher geht mit der des Kunstmarkts. Als ehemaliger Galerist weißt Du sicherlich wo bzw. wie Berliner Fotokunst vermarktet wird. Oder wird sie es vielleicht gar nicht und es gilt, im übertragenen Sinne, der Satz von Wilhelm Busch „Oft trifft man wen, der Bilder malt, viel seltener den, der sie bezahlt“? 

Jens Pepper: Wenn ich sage, dass Berlin keine der wichtigen Kunsthandelsmetropolen ist, dann bedeutet das natürlich nicht, dass hier nichts verkauft wird und es hier auch keine wohlhabenden Galeristen und Kunsthändler geben würde. Hier residieren einige wichtige Global Player der internationalen Galerienszene. Allerdings gibt es nur verhältnismäßig wenig Sammler in der Stadt, also Sammler, die über große Ankaufbudgets verfügen, anders als beispielsweise in London oder New York, also Städte, in denen generell die Wirtschaftskraft sehr viel größer ist und damit auch mehr Geld im täglichen Umlauf ist. Berlin ist immer noch als eher arm zu bezeichnen. Der Ausspruch des früheren Bügermeisters Klaus Wowereit – "Arm aber sexy" - kommt ja nicht von ungefähr. Und wer wenig Geld zur Verfügung hat, der kauft auch nur wenig oder gar keine Kunstwerke. Kunst als Objekt des Erwerbs hat dann einfach keine Priorität im täglichen Leben.

Die Galerien, die es sich leisten können, versuchen über ihre Teilnahme an internationalen Kunstmessen an überregionale und internationale Kunden heranzukommen. Das kostet Geld und die Plätze für eine Teilnahme sind begrenzt. Es gibt also einen Wettbewerb um die Messen. Eine Galerie, die ein gutes Programm hat, dies auch kontinuierlich durch Ausstellungen belegt, wird gute Chancen haben, an einer der kleineren Messen teilnehmen zu können. Mit der Zeit, mit dem wachsenden Ruf einer Galerie und den steigenden Umsätzen, gibt es dann u.U. auch Möglichkeiten, an den wichtigsten Messen teilnehmen zu können, wie die Art Basel, die Art Basel Miami Beach, die Frieze in London und im reinen Fotobereich die Paris Photo. Für so eine Messe muss man aber schon ziemlich tief in die Tasche greifen, ein paar zehntausend Euro sind da ganz schnell weg. Das funktioniert nur, wenn man auch Künstler im Programm hat, die sich hochpreisig verkaufen lassen. Oder man hat ererbtes oder anderes Vermögen und leistet sich mit aktuell oder kunsthistorisch wichtigen Positionen eine Messebeteiligung, ist aber nicht auf hohe Umsätze angewiesen, um alle Kosten zu decken. So etwas ist nach meinem Kenntnisstand aber eher selten.

 
Jens Pepper: Fotoszene Berlin, KLAK Verlag, Berlin 2020

Jens Pepper: Fotoszene Berlin, KLAK Verlag, Berlin 2020

 

Zu den großen Messen kommen in der Regel die großen Sammler, aus den USA, aus Europa, Asien, der arabischen Welt, die durchaus ein oder zwei oder mehr Millionen Euro oder Dollar an einem Tag ausgeben können, oder ein- oder zweihunderttausend. Auf den wichtigen Messen werden die Umsätze gemacht, die Galerien auch an einem Standort wie Berlin überleben lassen. Wie gesagt, ich spreche von den Unternehmen, die international aktiv sind. Wer einen kleinen Raum in Berlin betreibt und diesen aus einem Brotberuf heraus finanziert, der überlebt irgendwie auch so, kann aber keine großen Sprünge machen und den vertretenen Künstlern in der Regel auch kein Einkommen generieren. Aber natürlich sind solche Galerien auch wichtig; sie arbeiten an der Basis, ermöglichen es jungen Künstlern sich erstmals einer Öffentlichkeit zu präsentieren, stellen vielleicht erstmals neue, sich entwickelnde Trends vor usw. Vor allem für so eine Basisarbeit ist – oder war - Berlin in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten bekannt. 

Im Fotografiebereich hat Berlin immer etwas zu bieten gehabt. Global operierende, einflussreiche Fotogalerien gibt es hier derzeit nur zwei: Kicken Berlin und Camera Work. Andere wichtige Galerien sind durch Kooperationen und Messebeteiligungen auch gut im Rennen, Springer beispielsweise oder Robert Morat. Und dann gibt es in Berlin viele tolle, kleinere Fotogalerien, wie Johanna Breede Photokunst, argus fotokunst usw, die eher regional großartige Arbeit leisten. Von den kleineren, kommerziellen Fotogalerien haben in den letzten zwei Jahren allerdings viele geschlossen, was sehr schade ist.

Eine weitere Säule der hiesigen Fotoszene sind die vielen institutionellen und privat betriebenen Ausstellungsorte wie C/O Berlin, das Willy-Brandt-Haus, die Helmut Newton Foundation, die Collection Regard usw. Und wir dürfen nicht vergessen, dass viele mit Fotografie arbeitenden Künstler und Künstlerinnen ihre Werke im klassischen Galeriekontext zeigen und gar nicht auf reine Fotogalerien fokussiert sind.

Thomas Berlin: Die von Dir beschriebene Ursache der vergleichsweise geringen Wirtschaftskraft Berlins für die geringe Sammlerdichte im Vergleich zu New York oder London zeigt einen Zielkonflikt auf. Die geringen Mieten, die viele Kreative angezogen hatten, sind Ausdruck der geringen Wirtschaftskraft. Insofern ist die Gentrifizierung in Berlin, kühl betrachtet, Fluch und Segen zugleich. Einerseits werden durch steigende Miete „arme“ Kreative verdrängt und geichzeitg zieht die einkommensstarke Klientel in die neuen Szeneviertel, die den Künstlern ein Einkommen aus dem Verkauf ihrer Werke ermöglicht. Das ist jetzt natürlich holzschnittartig dargestellt.

Die Käufergruppen sind eher heterogen, wenn man an Unternehmen mit Kunstsammlungen, wie die Deutsche Börse, und am anderen Ende an den Gelegenheitskäufer denkt, der alle paar Jahre ein Bild fürs Wohnzummer sucht. Kannst Du die verschiedenen Käufergruppen für Fotografien die zwischen diesen Extremen liegen, skizzieren? Welche Bedeutung haben sie jeweils für die produzierenden Fotokünstler? Mich interessiert auch, welcher Anteil dieser Künstler von ihrem Herzjob leben kann und nicht wesentlich vom Brotjob abhängig ist. Vielleicht hast Du aus den Interviews für Dein Berlin-Buch ja einen Eindruck gewonnen.

Jens Pepper: Die Fotografen und Fotografinnen, die ich für meine Bücher interviewt habe, leben fast alle von ihrer Fotografie. Manche vedienen mit Fotojournalismus, Modefotografie, Werbung oder mit ihrer Kunst genug und müssen sich um keine anderen Jobs kümmern. Was nicht bedeutet, dass einige von ihnen nicht dennoch zusätzlich als Dozenten, Professoren, Workshopveranstalter aktiv sind. Andere dagegen sind auf diese Nebentätigkeiten als Vermittler und Lehrende angewiesen, um über die Runden zu kommen. Und wieder andere nehmen auch Aufträge als Veranstaltungsfotograf oder ähnliches an. Aber bei fast allen ist es so, dass sie nichts Artfremdes machen, also Kneipenjobs oder so. Sie verdienen ihr Geld mit ihren fotografischen Arbeiten und ihrem fotografischen Wissen. Manche erhalten auch Stipendien und gewinnen Preise, wie den World Press Photo Award oder den Lead Award, die allerdings nicht immer dotiert sind, aber für mehr Bekanntheit und damit evtl. für mehr Aufträge sorgen.

Wenn Du von Käufern sprichst, dann meinst Du vor allem den Kunstmarkt, zu dem ja auch der Fotomarkt gehört. Nur ein Teil der Fotografen und Fotografinnen bewegt sich ja primär in diesem Bereich. Wer als Fotojournalist oder Mode- und Produktfotograf tätig ist, mag zwar mit einigen Aufnahmen auch im Handel vertreten sein, aber die Haupteinnahmen kommen von den Auftraggebern, den Modehäusern, Produktherstellern, den Nachrichten-, Sport- und Modemagazinen etc., den Bildagenturen. 

Wie schon beschrieben, wird der größte Teil des Kunst- und Fotohandels durch Galerien, Fotohändler und Auktionshäuser abgewickelt. Die Kunst- und Fotomessen als Treffpunkte des Handels mit den potentiellen Erwerbern haben wir auch schon erwähnt. Einiges an Verkäufen findet inzwischen auch im Internet statt, über die Homepages der Galerien und Auktionshäuser oder über Seiten wie artnet.com, auf der Galerien etc. bezahlte Mitgliedschaften haben. Auch bei Ebay findet man etwas, wobei es sich hier überwiegend um Fotobücher, Plakate, populäre Prints ohne nennenswerten Sammlerwert oder Alltagsfotos zu niedrigen oder Niedrigstpreisen handelt.

Käufer von Fotografien sind Museen, Corporate Collections wie die von Dir erwähnte Sammlung der Deutschen Börse, die als Stiftung betrieben wird, private Sammlungen mit musealem Anspruch, in Deutschland beispielsweise die Walther Collection in Neu-Ulm, ebenfalls als Stiftung betrieben, und natürlich Privatpersonen, von denen einige das Sammeln intensiv, manchmal auch professionell betreiben, andere dagegen nur gelegentlich. Zu diesen Gelegenheitskäufern gehören auch Personen, die nicht unbedingt im Handel kaufen, sondern durchaus auch in den Ateliers und Studios der Künstler und Fotografen, wenn diese noch nicht von einer Galerie vertreten werden. Das sind dann oftmals Freunde und Bekannte, die durch ihre Käufe junge Karrieren unterstützen und sich selbst mit erschwinglichen Originalarbeiten beglücken.

Thomas Berlin: Lass uns noch einmal zu den Bildinhalten kommen, speziell im künstlerischen Bereich. Du sagtest vorhin, dass sich Berlin seit ein paar Jahren tiefgreifend verändert und sich daraus neue Themen ergeben, die künstlerisch aufgegriffen werden. Über Mieten und Gentrifizierung hatten wir schon gesprochen, aber welche veränderten Inhalte siehst Du, die in Berlin aufgegriffen werden? Und um die Frage noch etwas zu erweitern: Hast Du in den Gesprächen mit Berliner Fotografen, insbesondere für Dein Buch, Gemeinsamkeiten in Attitüde oder Werk gefunden, die typisch für Berlin sind? Auch wenn sich die Fotografie zunehmend global orientiert, könnte es doch in einer so speziellen Stadt wie Berlin etwas geben, was einen Berliner Stil prägt? Oder irre ich mich da mit meinem Frankfurter Blick?

Jens Pepper: Na, ja, eigentlich hast du einige Themen eben selber genannt: Gentrifizierung oder Flucht und Vertreibung und deren Auswirkungen auch auf das städtische Leben, wie die steigende Obdachlosigkeit oder zunehmende soziale Spannungen etc. Aber das sind Themen der Zeit und nicht unbedingt typisch Berlin. Als typisch Berlin könnte man vielleicht die Partykultur ansehen, die natürlich auch für Fotografen und Fotografinnen ein Thema darstellt. Gili Shani beispielsweise dokumentiert seit Jahren die Partynächte im KitKat-Club; das ist natürlich ein Berliner Thema. Und als Wolfgang Tillmans in den frühen 1990er Jahren die Berliner Love Parade für deutsche und britische Musik- und Zeitgeistmagazine fotografierte, war auch das automatisch ein Berliner Thema, das aber von einem Deutschen fotografiert wurde, der bereits in Großbritannien lebte. In einem Interview, das der Kritiker Ralf Hanselle mit mir vor ca. einem Jahr geführt hat und das als Epilog in meinem Buch "Fotoszene Berlin" enthalten ist und gerade erst in der Aprilausgabe des deutschen Fotomagazins ProfiFoto noch einmal vollständig abgedruckt wurde, sage ich, dass ich keine typisch Berliner Sicht auf Wirklichkeit erkennen kann. Es sind lediglich solche speziellen Themen, die sich hier finden lassen und sonst nirgendwo. Ich spreche von der Gegenwart

Thomas Berlin: Da wir beide auch Aktfotografen sind, möchte ich dieses Thema noch ansprechen. Gibt es Aktfotografen in Berlin, die eine überergionle Anerkennung gefunden haben oder die Du aus anderen Gründen für bemerkenswert hältst? In diesem Zusammenhang stellt sich noch die Frage, wie bzw. ob die künstlerische Darstellug des unbekleideten Menschen in Berliner Ausstellungen und Galerien, d.h. in der physischen Präsenz, überhaupt eine Rolle spielt oder ob dieser Teil der Fotografie eher online vorgestellt wird. Die gesellschaftliche Liberalität in Berlin und vielleicht auch der Hedonismus der Partykultur lassen eine erhöhte Offenheit für das Thema vermuten.

Jens Pepper: Da es in der Stadt viele Galerien, Museen, Institutionen gibt, die Fotografie ausstellen, gibt es natürlich auch Ausstellungen, die Akt und Erotik zum Thema haben. Alleine bei C/O Berlin hat es in den vergangenen 15 Monaten Einzelausstellunge mit Akten von Nobuyoshi Araki, Ren Hang und Francesca Woodman gegeben, in der Helmut Newton Foundation ist die Aktfotografie immer präsent, nicht nur die von Newton. Fantastisch waren im vergangenen Jahr die dort gezeigten frühen Schwarzweiß-Aktaufnahmen von Saul Leiter. Aktuell sind dort im Rahmen der Ausstellung "Body Performance" Akte und körperbetonte Arbeiten u.a. von Vanessa Beecroft, Viviane Sassen, Yang Fudong und anderen zu sehen, d.h. wegen der Coronakrise sind sie leider nicht zu sehen, aber sie hängen dort. Bei "Chaussee36" hat es im vergangenen Herbst Vintageprints – experimentelle Akte - von Erwin Blumenfeld aus den 1940er und 50er Jahren gegeben, teilweise waren das Leihgabe der legendären Galerie von Howard Greenberg in New York, der übrigens ein großartiger Geschichtenerzähler ist. Die Galerie Thomas Schulte zeigt gerade die drei Portefolios X, Y und Z von Robert Mapplethorpe. Die X betitelte Mappe enthält 13 um 1980 aufgenommene Motive aus der New Yorker Schwulen-SM-Szene, eine andere Mappe, Z glaube ich, zeigt Männerakte. Bei Camera Work, die auf Mode- und Glamourfotografie spezialisiert sind, gibt es auch viel Naktes zu sehen, in 2019 u.a. bei den Ausstellungen von Russell James und Albert Watson. 

Akt ist also immer auch Thema in Berlin, wobei es auffällt, dass die jungen und unbekannteren Positionen eher weniger im klassischen Galeriebetrieb vertreten sind,. Ich denke, dass sich Blue Chip Fotografen, zu denen gehören viele der von Camera Work vertretenen Künstler, auch mit Aktthemen gut verkaufen lassen, das Kaufinteresse bei unbekannten Künstlern und Fotografen hingegen eher gering ist. Das ist auch bei den Auktionshäusern in der Stadt zu sehen. Klassische Positionen wie die von Mapplethorpe, Araki, Drtikol, Olaf Martens, Karin Szekessy etc. laufen besser als völlig unbekannte, wenn diese denn überhaupt auftauchen in den Katalogen von Bassenge und Grisebach.

Gibt es Fotografen und Fotografinnen, die von Berlin aus arbeiten und sich der Aktthematik verschrieben haben oder sich zumindest auch damit beschäftigen? Klar. Ich habe gerade über die Make-Up-Artistin Sarah Zak geschrieben, die im letzten Jahr bei seltmann+söhne ein Buch mit Akten veröffentlicht hat, Titel: "#sarahlikesprettygirls in berlin". Gut gemacht, aber Mainstream, weil sie Akte in der gerade populären Art des – manchmal romantischen - Schnappschusses inszeniert. Fotos, wie sie seit ein paar Jahren auch von Magazinen wie C-Heads usw. publiziert werden und natürlich auf Instagram und andernorts online zu finden sind. Sie gefallen mir, aber sie sind nicht unbedingt innovativ; sie geben eher das Lebensgefühl der jüngeren Generationen wieder und werden von Männern und Frauen gleichermaßen gemacht. Mir gefallen die Bilder von Alexander Klang, der gerade ein weiterführendes Studium bei Ostkreuz abgeschlossen hat und der mir in den vergangenen Jahren schon öfters positiv mit seinen Schwarzweißaufnahmen aufgefallen ist. Yoram Roth arbeitet von Berlin aus, Andreas Maria Kahn, da gibt es viele, die ich nennen könnte.

Thomas Berlin: Das sind spannende Informationen, Jens. Wenn jemand wie Du so tief mit der Fotoszene Berlins und auch der Fotografie generell verbunden ist, ist es natürlich für die Leser interessant, auch etwas über Dich persönlich zu erfahren. Ebenso, wie Du zur Kunst und Fotografie gekommen bist und warum die Fotografie eine so große Bedeutung für Dich hat - es hätte ja auch Malerei oder ähnliches sein können.

Jens Pepper: Für Kunst ganz generell habe ich mich schon immer interessiert. Meine Mutter erzählte mir mal, dass ich schon als kleines Kind im Urlaub immer in alle Kirchen und Burgen rein wollte, und auch Museen hatten mich damals schon sehr interessiert. Einen Job im Kulturbereich wollte ich anfangs aber gar nicht haben. Als Jugendlicher dachte ich mal kurzzeitig daran Pilot zu werden. Archäologe hätte mir auch gefallen. Und später – so mit 17, 18 - träumte ich gelegentlich von einer Karriere als Schriftsteller. Nach meinem Wehrdienst habe ich dann aber erst einmal eine Ausbildung zum Hotelfachmann gemacht, was mir viel Spaß gemacht hat. Aber das Interesse an Kunst war da und wurde in dieser Zeit intensiver. Ich erwarb erste Kunstwerke für mich und entschied mich mit 23 auch beruflich in die Kunst zu wechseln. 1987 kündigte ich meinen Job im Savoy Hotel in London und ging nach Berlin, wo ich im darauffolgenden Frühjahr mit dem Studium der Kunstgeschichte und Geschichte begann. Zeitgleich bekam ich Kontakt zu einer Off-Galerie, der galerie paranorm, für die ich einen "sgt. pepper's paranorm club" organisierte und wo ich eine Interviewserie begann, die der Galeriebesitzer auf Video aufzeichnete. Durch die damaligen Kontakte zu Künstlern, Designern, Schriftstellern, Musikern und Tänzern entwickelte sich mein erstes Netzwerk innerhalb der Westberliner Kulturszene. 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, eröffnete ich dann gemeinsam mit der Szene-Diva Lena Braun die Galerie Loulou Lasard im Bezirk Schöneberg, die ich ein Jahr später aber wieder verließ. Dann folgten andere Galerien und Projekträume, frei kuratierte Ausstellungen, Kooperationen mit Galerien und Künstlern, und ich schrieb über Kunst für diverse Zeitungen und Zeitschriften und hielt Vorträge über den Kunstmarkt. Manches davon war gut und funktionierte, anderes war so lala. Aber ich hatte eine tolle Zeit und machte genau das, was ich wollte. Selber kreativ zu sein, also Kunstwerke zu schaffen, hatte ich überhaupt nicht vor. Vor zehn Jahren habe ich dann allerdings intensiver mit dem Fotografieren begonnen. Ich war aus dem Galeriebusiness ausgestiegen und habe eine erste Bildserie mit analogen Einwegkameras von Kodak gemacht, die dann 2013 unter dem Titel "Snapshot Beauties" in der Galerie Carpentier in Berlin ausgestellt wurde und ein Jahr später als Buch erschien. Das funktionierte, ich hatte Erfolg und Feuer gefangen. Ich machte also weiter mit verschiedenen einfachen Digitalkameras und mit Polaroid- und Instax-Kameras, und fotografierte weiterhin Akte und erotische Porträts. Zwischendurch habe ich auch Projekte in Warschau und Gorzow fotografiert und auch Berlin ist gelegentlich mein Thema, aber nur nebenher. Zeitgleich habe ich damit begonnen, Interviews mit Fotografen etc. zu führen, und Artikel über Fotografie zu schreiben. Diese Aktivitäten bestimmen gegenwärtig mein Leben.

Thomas Berlin: Danke für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg bei Deinen Projekten.

Jens Pepper ist erreichbar auf Instagram sowie unter  Obst Und Muse - Gespräche zur Fotografie - Interviews  Auf Obst Und Muse veröffentlichen Jens Pepper und Christian Reister seit 2014 Interviews zur Fotografie.

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