"Ich fotografiere nur das, was mir am Herzen liegt" - Die Fotografin Amiyumi im Interview mit Thomas Berlin

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Amiyumi ist Fotografin in Bayern. Ihr Fokus liegt in der künstlerischen Darstellung der Natur und Selbstportraits. Dabei verwendet sie analoge Fototechnik und erstellt handgefertigte Silbergelatine Abzüge. Im Interview geht es um ihren künstlerischen Ansatz, analoge Arbeitsmethoden und den Reiz von Selbstportraits.

Thomas Berlin: Amiyumi, du bist Fotografin, hast aber auch als Model gearbeitet. Daneben bist du mit deinen Selbstbildnissen auch dein eigenes Model. Lass uns zunächst mit deinem Start als Model beginnen. Wie bist du dazu gekommen? 

Amiyumi: Witzigerweise war ich als Fotografin bei einem dieser lokalen Fotografen/Models-Stammtische, um mich mit anderen über Fotografie auszutauschen und wurde dann von einer Fotografin angesprochen und gefragt ob ich nicht Lust hätte, für sie zu modeln. So führte das eine zum anderen und ich habe mit immer mehr Fotografen zusammengearbeitet und ca 2 Jahre lang viel gemodelt. 

Thomas Berlin: Welche wichtigen oder prägenden Erfahrungen hast du dabei gemacht? 

Amiyumi: Normalerweise lege ich die Aufnahmebereiche vor dem Fotoshooting fest. Bei einem Shooting wurde ich dann vor Ort gefragt, ob ich nicht Akt machen wolle weil das zu der Location sehr gut passen würde. Zu der Zeit hatte ich noch nicht viel in der Richtung gemacht und war sehr kritisch mit welchen Fotografen ich Akt machen wollte. Ich war von der Frage überrumpelt und habe zugestimmt, obwohl ich mich nicht wirklich wohl dabei gefühlt habe. Im Nachhinein habe ich gelernt, dass ich unbedingt an mir arbeiten musste, denn Nein zu sagen, seine eigenen Grenzen aufzeigen zu können und auf sein eigenes Bauchgefühl zu hören ist wichtig und auch im täglichen Leben notwendig. Außerdem war mein erstes Fotoshooting bzw. die Zusammenarbeit mit dem Fotografen Jan Schlegel etwas, das mein Leben verändert hat. Mit ihm zu arbeiten hat mir gezeigt, was es bedeutet, wertgeschätzt zu werden und worauf es für mich wirklich ankommt, nämlich nicht nur ein schönes Bild zu kreieren (davon hatte ich in den 2 Jahren genug) sondern etwas, was Substanz hat und Menschen verändern kann. 

Thomas Berlin: Wie hat sich dein Selbstbewustsein durch die Modeltätigkeit verändert? 

Amiyumi: Früher war es für mich nicht einfach in den Spiegel zu schauen oder gar fotografiert zu werden. Ich habe viel mit meinem Aussehen gekämpft, ich fand mich nie hübsch und wollte immer anders aussehen. Das Modeln hat mir geholfen mich selbst besser zu akzeptieren und am Ende auch so zu lieben, wie ich bin. Akt war für mich dann kein großer Schritt mehr von Unterwäsche, der einzige Unterschied lag für mich darin, dass ich Angst hatte was viele Menschen denken würden. Durch das fotografiert werden lernte ich immer mehr, mein Aussehen zu mögen und Dinge, die ich vorher als nicht so schön empfunden hatte (Dehnungsstreifen, das Aussehen meines Gesichts) schön zu finden.

Thomas Berlin: Du hast, soweit ich das gesehen habe, meist mit Analogfotografen mit einem betont künstlerischen Ansatz zusammen gearbeitet. Entsprach das deinem Selbstverständnis oder wie hatte sich das ergeben? 

Amiyumi: Am Anfang habe ich als Model viel mit digitalen Fotografen gearbeitet bis ich ca. ein Jahr später meine Liebe zur analogen Fotografie entdeckt habe. Ich war diese Fotos leid, die alle gleich aussahen. Macht man Instagram auf sieht man zu 90% dieselben Fotos, Fotos von hübschen jungen Frauen. Für mich war keine Individualität sichtbar und nichts einprägsam. Dadurch, dass die Arbeitsweise und die Herangehensweise bei Analogfotografen einfach ganz anders ist, war es für mich reizvoll mit solchen Fotografen zusammenzuarbeiten. 

Thomas Berlin: Warum hast du dich von der Modeltätigkeit immer mehr zur Fotografin entwickelt? 

Amiyumi: Ich habe mich schon immer mehr als Fotografin gesehen und nicht als Model. Als ich dann das Gefühl hatte, das ich meine eigenen Ideen nicht mit einem anderen Fotografen umsetzen konnte, wusste ich, dass es an der Zeit war, selbst wieder mehr zu fotografieren. Jeder Fotograf bringt seine eigene Sichtweise ins Bild und oft hat das Model keine Möglichkeit, die eigenen künstlerischen Ideen einzubringen oder sie werden einfach anders als man es sich vorgestellt hat. Das hat mich dazu veranlasst, auch mehr Selbstporträts zu machen.

© Kim

© Amiyumi

Thomas Berlin: Was waren deine Anfänge als Fotografin? Hattest du früh eine Zielsetzung oder wie bist du vorgegangen? 

Amiyumi: Fotografie war schon seit meiner Jugend immer ein treuer Begleiter, so wirklich als Fotografin würde ich mich seit 3 Jahren bezeichnen. Als ich angefangen habe, mir ernsthafter Gedanken über meine Bilder zu machen und freie Projekte zu planen. Ich war viel in der Pferdefotografie unterwegs und konnte so mein Auge schulen. Irgendwann habe ich mich auch an Porträts gewagt und Hochzeiten fotografiert. Ich konnte mir zwar vorstellen, als Berufsfotografin zu arbeiten, aber so wirklich glücklich wurde ich damit nicht. Es ist einfach sehr schwer, wenn man kommerziell arbeiten möchte, die Konkurrenz ist groß und man muss sich gut vermarkten können. Das konnte ich nie wirklich. Der künstlerische Ansatz hat mir da viel mehr zugesagt. Das fotografieren zu können, was man möchte und seine eigenen Projekte zu planen war für mich wie ein Traum. Außerdem war der Leistungsdruck nicht mehr da, Kunden zufriedenstellen zu müssen. Seitdem ich diese Art der Fotografie für mich entdeckt habe, bin ich zielstrebiger geworden. Ich habe Serien/Projekte im Kopf, die ich umsetzen möchte, ich will meine Bilder zeigen und Menschen damit berühren und sie vielleicht etwas Neues entdecken lassen. Es gibt da ein tolles Zitat von Irving Penn: “A good photograph is one that communicates a fact, touches the heart, and leaves the viewer a changed person for having seen it; it is in one word, effective.” Ich hoffe, dass meine Bilder eines Tages den gleichen Effekt haben werden.

Thomas Berlin: Amiyumi, soweit ich das gesehen habe, fotografierst du konservierte Tiere (u.a Schmetterlinge), Pflanzen in der Natur und im Studio und machst Selbstportraits. Habe ich etwas vergessen? Wie würdest Du Deinen Bildstil beschreiben? 

Amiyumi: Genau, mein Hauptaugenmerk in der Fotografie liegt auf Natur und Tiere. Ich mache auch ab und zu Portraits von anderen Menschen, taste mich aber nur langsam voran. Meine Bilder würde ich als Abbild der Realität beschreiben mit dem Fokus auf Schönheit. 

Thomas Berlin: Und wie würdest Du Dich selbst als Person beschreiben? 

Amiyumi: Ich bin introvertiert, kann aber gut mit allen möglichen Menschen auskommen, wenn es sein muss. Natur spielt in meinem Leben eine große Rolle, am liebsten würde ich den Wald zu mir nach Hause holen. Außerdem bin ich ein hoffnungsloser Perfektionist, der nie zufrieden ist und ungern Kompromisse eingeht. Zuweilen träumerisch unterwegs und sehr emotional und auch impulsiv. Ich bin ein totaler Nachtmensch und kann mit sehr wenig Schlaf auskommen und trotzdem Leistung bringen wenn ich an etwas arbeiten möchte oder muss. 

Thomas Berlin: Wie hängen für dich Bildstil und Persönlichkeit von Künstlern zusammen? 

Amiyumi: Deine Bilder zeigen dir wer du bist und sind wie ein Spiegel. Das ist vielen Fotografen denke ich nicht wirklich bewusst. Ich fotografiere nur das, was mir am Herzen liegt und mich fasziniert. Bilder sagen sehr viel über einen aus und geben einen Einblick über den Charakter und die Gedankengänge des Künstlers aus. Bei mir kann man das sehr gut beobachten, ich fotografiere sehr viel Natur weil sie mich fasziniert und eine große Rolle in meinem Leben spielt. Ich bin viel draußen unterwegs und bevorzuge die Einsamkeit und Stille eines Waldes statt den Kontakt zu anderen Menschen zu suchen. 

Thomas Berlin: Wie gehst Du mit Licht um bzw. welche Bedeutung hat es bei der Bildgestaltung? 

Amiyumi: Licht ist für einen Fotografen eins der wichtigsten Elemente eines Bildes, der Fotograf muss es sehen können und lernen, damit umgehen zu können. Egal was man fotografiert, Licht spielt immer eine wesentliche Rolle bei der Bildgestaltung. Nehmen wir als Beispiel die Landschaftsfotografie, da überlege ich mir auch, was für ein Licht ich möchte wenn ich die Aufnahme mache. Möchte ich es bewölkt haben und eine gleichmäßige diffuse Ausleuchtung des Motivs um eine gewisse Harmonie darzustellen oder lieber hartes Licht und Schatten um Dramatik zu erzeugen. Außen fällt es mir viel leichter “gutes” Licht zu sehen als im Studio mit Modeling Light und Blitzen. Ich versuche schon immer, das Licht zu erzeugen oder einzufangen, das meiner Meinung nach das Beste für das Bild ist. Licht spielt also eine wesentliche Rolle bei der Bildgestaltung, vor allem auch in der Porträtfotografie. Betrachtet man Irving Penns Porträts, so sieht man, dass er viel mit hartem Licht und Schatten gearbeitet hat, um so eine Spannung zu erzeugen, Paolo Roversi schafft es, mit seinem Licht etwas Mystisches hervorzubringen und Avedons Portraitserie “In The American West” ist mit gleichmäßigem Licht aufgenommen worden. Jedes Licht hat eine bestimmte Aussage und ein Motiv kann mit Licht so unterschiedlich dargestellt werden.

Thomas Berlin: Was ist die Zielsetzung bei deinen Tier- und Pflanzenbildern? 

Amiyumi: Ich glaube, viele Menschen nehmen ihre Umwelt nicht mehr wirklich wahr. Wenn man erwachsen wird, verliert man die Neugierde, Begeisterung und alles wird alltäglich, wie die Wiese mit Gänseblümchen oder der Wald, in dem man ab und zu spazieren geht. Menschen sind oftmals viel zu sehr mit sich und ihren eigenen Problemen beschäftigt und leben in einer digitalen Welt. Instagram ist ein gutes Beispiel dafür; man fotografiert eine wunderschöne Landschaft und ist viel mehr daran interessiert, das zu fotografieren und zu teilen und am Ende schaut man sich nicht mal wirklich die reale Landschaft an, weil man sie ja fotografiert hat. Man nimmt das Hier und Jetzt nicht mehr wirklich wahr und lässt es auf sich wirken und ignoriert dabei die ganzen Sinneswahrnehmungen wie die Geräusche oder Gerüche, die in so einem Wald herrschen.

Zum einen möchte ich die Menschen wieder zum Staunen bringen und sie etwas Neues entdecken lassen. Es muss nicht immer der Grand Canyon sein, sondern die Blumenwiese, an die man immer zur Arbeit vorbeiläuft. Ich möchte, dass die Menschen die Schönheit um ihnen herum wieder entdecken und ihnen auch etwas Neues zeigen. Ich will, dass jemand, der meine Bilder betrachtet, zu Staunen anfängt und das oftmals Übersehene wieder sieht. Das ist mir zum Beispiel mit meiner Mottenserie gelungen, ich habe Nachrichten mit Bildern von Motten bekommen, die meine Follower entdeckt haben, zu denen sie meinten, sie haben ihnen jetzt erst Beachtung geschenkt, nachdem sie meine Bilder gesehen haben. Ich will einfach wieder ein Bewusstsein für die Schönheit unserer Umwelt schaffen. 

© Kim / Self Portrait

© Amiyumi / Self Portrait

Thomas Berlin: Kommen wir zu deinen Selbstportraits: Warum eigentlich Selbstportraits statt Models? Und um die Frage zu ergänzen, interessiert mich auch, ob du dich durch die Selbstporttraits inzwischen anders wahrnimmst. Es ist ja schon eine intensive Betrachtung der eigenen Person.

Amiyumi: Als schüchterner Mensch fiel es mir schwer, andere Menschen zu fragen, ob ich sie fotografieren dürfte. Natürlich habe ich durch meine Auftragsfotografie gelernt, wie ich Menschen fotografiere oder mit ihnen umgehen muss, aber ich fühlte mich nie zu 100 % wohl dabei. Ich bin dabei immer unsicher und wollte immer, dass sich die Person auf den Bildern gefällt, und hatte Angst, eigene Ideen vorzuschlagen. Das ist einer der Gründe, warum ich nur ganz selten andere Menschen fotografiere. Außerdem hatte ich nie das Gefühl, die richtigen Models gefunden zu haben. 

Für mich ist nicht primär das Aussehen ausschlaggebend, sondern der Charakter und das Wesen eines Menschen spielen für mich mindestens eine genauso wichtige Rolle beim Fotografieren. Mir fällt es schwer, in den Spiegel zu schauen, wenn ich in Bekleidungsgeschäften unterwegs bin, schenke ich ihnen keinerlei Beachtung, es sei denn ich entscheide mich aktiv dafür. Es fällt mir leichter, mich auf Fotos zu betrachten, weil eine gewisse Distanz entsteht, zwischen Aufnahmezeitpunkt und dem Betrachten des finalen Bildes vergeht Zeit. Ich kann in Ruhe ohne sofortige emotionale Reaktion auf das, was ich sehe, dieses Foto anschauen. Wenn dich jemand anderes fotografiert, ist es die Wahrnehmung einer anderen Person. 

Ich kann kein gutes Bild von jemandem machen, den ich nicht interessant oder faszinierend finde, und das war bei vielen Models so, die das öfter gemacht haben und Menschen, die keine “Models” waren, habe ich mich nicht getraut zu fragen. Ich will nicht nur ein hübsches Gesicht abbilden, sondern etwas Tieferes festhalten, ich will, dass man in den Bildern ein Gefühl von dem Menschen bekommt. Das ist nicht einfach und ich habe das Gefühl, ich muss noch viel lernen und auch an meiner eigenen Persönlichkeit arbeiten.

Selbstportraits zeigen dir, wie du dich selbst siehst oder wie du von anderen wahrgenommen werden möchtest. Sie eröffnen einen Dialog mit einem selbst und man stellt sich Fragen wie “Warum habe ich mich so fotografiert? Was gefällt mir oder gefällt mir nicht an diesem Bild?”. Oft entstehen meine Selbstportraits entweder aufgrund einer emotionalen Gefühlslage, in der sie ein Mittel für mich sind, um mit mir und der Situation umzugehen oder um meine Kreativität auszuleben. Ich denke, die Selbstportraits helfen mir ein Stück mich von außen betrachten zu können, zu sehen, wer ich bin und mich besser zu verstehen. Tatsächlich beschäftige ich mich auch noch viel mit Fragen bezüglich Wirkung und Intention meiner Selbstportraits auf mich und bin noch dabei, vieles herauszufinden.

Thomas Berlin: Wie läuft bei Dir eine Selbstportrait-Session ab? Wie geplant bzw. wie spontan bist du dabei? 

Amiyumi: In der Regel sind die Selbstportraits geplant, ich sammle alles zusammen (Requisiten), was ich für das Bild brauche und setze das dann im Studio um. Um das Licht zu überprüfen, nutze ich eine digitale Kamera und mache Probeaufnahmen. Wenn es passt, wird die Kamera weggestellt und meine analoge Ausrüstung kommt zum Einsatz. Ich stelle ein Stativ an den Platz, an dem ich mich befinden werde, fokussiere auf das Stativ, markiere auf dem Boden den Ort wo ich stehen muss und stelle das Stativ weg. Da ich limitiert bin mit meinen Aufnahmen, pose ich meistens vor einem Spiegel, um zu sehen, wie das Ganze aussehen wird, und versuche das dann umzusetzen. Ich löse meistens mit einem Gummiball aus, dieser ist mit einem längerem Kabel am Auslöser der Kamera angeschlossen. Manchmal habe ich aber auch Hilfe von jemanden, der für mich im richtigen Moment auslöst, wenn es darum geht, Ganzkörperaufnahmen zu machen und ich nicht möchte, dass das Kabel auf dem Bild zu sehen ist. Die Selbstportraits werden analog aufgenommen, weshalb alles spannender und schwieriger ist. Manche meiner Selbstportraits sind auch tatsächlich aus einer emotionalen Gefühlslage heraus entstanden, das ist dann sehr spontan und ich versuche einfach meine Emotionen festzuhalten. 

Thomas Berlin: Wie wichtig ist Dir die Schönheit des finalen Bildes? Was ist für dich eigentlich Schönheit? 

Amiyumi: Ich fange zunächst mal an zu definieren, was für mich Schönheit ist. Schönheit ist etwas Unbegreifliches, etwas das mich zum Staunen bringt und ich nicht wirklich definieren oder festhalten kann. Jan Schlegel hatte sich mal darüber Gedanken gemacht und meinte, Schönheit ist, wenn man etwas betrachtet und in diesem Augenblick alles um einen herum in Vergessenheit gerät, weil sie einen so in den Bann zieht. Natürlich möchte ich, dass meine Bilder so eine Wirkung haben.

Thomas Berlin: Wonach suchst Du Deine Locations aus? 

Amiyumi: Meine Fotografien sind entweder im Studio aufgenommen worden oder Aufnahmen in der Natur. Für die Selbstportraits bietet sich meistens das Studio an, weil ich da in Ruhe arbeiten kann. Outdoor Locations müssen mich einfach faszinieren und meine Vorstellungskraft zum Laufen bringen. 

Thomas Berlin: Wann ist ein Bild gelungen bzw. wann bist Du damit zufrieden? 

Amiyumi: Um ehrlich zu sein, gibt es nur ganz wenige Bilder mit denen ich zufrieden bin. Ich finde immer etwas, was mir nicht gefällt oder ich hätte besser machen können, das ist auch das erste was mir auffällt. Ein Bild ist für mich gelungen wenn ich es immer wieder anschauen kann, ohne das es mich langweilt. Es muss etwas in mir auslösen, eine Faszination die ich immer wieder verspüre und eine Anziehungskraft besitzen. Wenn der Betrachter den Raum betritt muss er sofort von dem Bild eingenommen werden und er das Gefühl haben, er muss dahin um es genauer anzuschauen ohne vielleicht zu wissen was das Bild in ihm ausgelöst hat. Ich möchte auf das schon genannte Zitat von Irving Penn hinweisen. 

Thomas Berlin: Kommen wir kurz zur Technik: Mit welcher Kombination aus einer Kamera und zwei Objektiven könntest Du 80% Deiner Shootings machen? 

Amiyumi: Schwierig zu sagen, ich arbeite mit vielen verschiedenen Kameras um immer das passende Werkzeug nutzen zu können. Ich denke ich kann mit meiner Chamonix F2 4x5 Kamera inzwischen alles machen, manches wäre aufwendiger zu realisieren als mit Mittelformatkameras. Ich nutze hauptsächlich ein Weitwinkel und ein Portraitobjektiv. 

© Kim

© Amiyumi

Thomas Berlin: Du arbeitest nahezu vollständig analog, oder? Warum eigentlich? Digital könnte doch viel einfacher sein. 

Amiyumi: Für mich haben digitale Bilder leider fast keine Bedeutung mehr. Heutzutage ist es so einfach, ein gutes Bild mit dem Handy oder einer digitalen Kamera zu machen, man ist nicht mehr limitiert und kann innerhalb weniger Minuten 100 Bilder schießen und irgendeins wird dann schon dabei sein, mit dem man zufrieden ist. Es steckt meiner Meinung nach oftmals kein Können oder Handwerk dahinter. Die Kamera nimmt es einem alles ab. Außerdem war es so, dass wenn ich digital gearbeitet habe, ich nichts für die entstandenen Bilder empfunden habe. Es war vielleicht ein schönes Bild, mit dem ich zufrieden war, aber es hat niemals die Tiefe bekommen, die ich bei meinen analogen Aufnahmen spürte. Alles an der analogen Fotografie spricht mich einfach an, es gefällt mir, dass es nicht einfach ist. 

Ich mag, dass man viel Zeit investieren muss und Geld, denn das macht das finale Bild wertvoller. Es stecken so viele Stunden Arbeit in analogen Aufnahmen und nachdem ich alles selbst mache, habe ich auch die volle Kontrolle über jeden einzelnen Prozess. Während dem Fotografieren ist man viel bewusster und muss sich im Klaren sein, was man möchte, denn du hast nur eine bestimmte Anzahl Filme.

Thomas Berlin: Welches Filmmaterial und welchen Entwickler bevorzugst du? 

Amiyumi: Kodak Tmax400 in D76 

Thomas Berlin: Gesehen habe ich von dir überwiegend Arbeiten in Schwarz-Weiß? Warum keine Farbe? Hat das eher einen gestalterischen oder technisch-praktischen Grund?

Amiyumi: Schwarz-Weiß kann ich selbst gut entwickeln und in der Dunkelkammer ausbelichten. Analoge Farbaufnahmen sind mir zu aufwendig, die gebe ich an ein Fachlabor ab, und weil ich nicht den ganzen Prozess selbst steuern kann, macht es für mich wenig Sinn in Farbe zu arbeiten. Was ich allerdings schon mache, sind farbige Polaroidaufnahmen, ich liebe den Look von Polaroid einfach. 

Thomas Berlin: Wie ist denn dein analoger Workflow? 

Amiyumi: Kim: Ich mache alles selbst, angefangen vom Film selbst Entwickeln bis hin zur Dunkelkammer-Ausarbeitung der Prints und dem finalen Retuschieren des Bildes mit Pinsel und Retuschierfarbe. Ich scanne keine Negative ein. Das Nervige an analogen Prints ist, dass man sie fürs Internet dann doch noch digitalisieren muss. Dafür fotografiere ich aber die Prints ab und bearbeite nichts am Computer nach. 

Thomas Berlin: Ist der aktuelle analoge Trend in der Fotografie ein Hype oder nachhaltig? 

Amiyumi:Das kann ich nicht wirklich sagen, ich empfinde schon, dass analoge Fotografie sich im Moment großer Beliebtheit erfreut. So weitgehend, dass Leute den analogen Look imitieren wollen, indem sie ihren digitalen Bildern Korn oder Ränder von Negativen zufügen. Ich hoffe zumindest, dass ein Großteil der Leute, die auf den Hype aufgestiegen sind, bei analog bleiben. So wäre zumindest gesichert, dass es weiterhin Filmmaterial geben wird, wenn die Nachfrage immer noch besteht.

Thomas Berlin: Du legst besonderen Wert auf den Dunkelkammerprozess, wie du sagtest. Daneben nutzt du auch alte Drucktechniken, wie den Platindruck. Was passiert bei dir in der Dunkelkammer und warum machst du das selbst? Welchen Stellenwert hat für dich der Print? 

Amiyumi: Ein gutes Bild besteht für mich aus zweierlei Komponenten, dem Handwerklichen/Technischen Teil und der Wirkung. Ich hatte das große Glück, von Jan C. Schlegel lernen zu dürfen. Er ist ein großartiger Fotograf und kennt sich wie kein anderer in der Dunkelkammer aus, von seinem Wissen habe ich profitiert und alle Tricks und Kniffe in der Dunkelkammer gelernt. Alles was ich in der Dunkelkammer mache, ist das, was man auch digital mit Photoshop macht. Kontrast, Helligkeit, Ausschnitt, Unscharfe Masken oder Highlight Masken, all dies kann ich selbst steuern. Grund dafür ist, dass nur ich weiß, wie ich das Motiv gesehen habe und es auf Papier bringen möchte. Ein Bild existiert für mich erst so richtig als Print, ich muss ihn in der Hand halten können. Erst dann habe ich das Gefühl, etwas erschaffen zu haben. Scans sind genauso wie digitale Fotos für mich, deshalb scanne ich nicht. Wenn man die Wahl zwischen einem Original handgefertigtem Bild hat, wo jedes Bild eigentlich ein Unikat ist, oder einem digitalen Scan dann würde es den meisten Menschen sicherlich nicht schwerfallen, nämlich für den Print.

© Kim / Self Portrait

© Amiyumi / Self Portrait

Thomas Berlin: Hattest schon an Ausstellungen teilgenommen oder ist etwas geplant? 

Amiyumi: Leider hatte ich noch keine Ausstellung, eigentlich war es mein Ziel, für dieses Jahr meine Bilder auszustellen, aber durch Corona ist alles schwieriger geworden. Jetzt hoffe ich auf nächstes Jahr, bis jetzt ist aber noch nichts Konkretes geplant. 

Thomas Berlin: Welche Fotografen inspirieren Dich?

Amiyumi: Es gibt einige die ich sehr schätze und inspirierend finde. Ich werde mal 3 nennen. 

Irving Penn: Seine Portraitaufnahmen sind einfach unglaublich. In seinen Fotografien von Menschen sehe ich die Wertschätzung und Faszination die er ihnen entgegengebracht hat und das bewundere ich sehr. Seine Aufnahmen sind so simpel aber doch so ausdrucksstark. Ich mag auch seine Stillleben sehr gerne. Er war so vielseitig und kreativ. Für mich einer der großartigsten Fotografen aller Zeiten. 

Shana und Robert Park Harrison: Ein Künstlerpaar, das sich zusammen so gut ergänzt, Robert das Model für ihre meisten Aufnahmen und Shana als Fotografin. Was sie an Ideenreichtum, Recherche und Zeit in die Umsetzung der Bilder investieren, ist phänomenal und bringt einen zum Staunen. Früher haben sie viel analog fotografiert und ihre eigenen Requisiten gebastelt und neue Welten erschaffen. Ihre Themen behandeln vor allem den Umgang und die Rolle des Menschen mit der Natur. 

Zu guter letzt möchte ich Jan C Schlegel nennen. Er hat mir gezeigt was gute Fotografien sind und mich in die Kunstwelt geführt. Seine Serien zeugen von Kreativität und er findet immer wieder neue Ideen für Projekte. Die Serie “Essence” über Stämme auf dieser Welt ist faszinierend und ergreifend. Die Portraitaufnahmen von Jan haben eine Intensität die man nur selten findet. 

Thomas Berlin: Wie wichtig ist für Dich Instagram für deine Selbstvermarktung und Inspiration? 

Amiyumi: Instagram spielt für mich eine große Rolle, ich arbeite noch an meiner Homepage und Instagram ist daher meine einzige Platform in der ich meine Bilder präsentiere. Ich habe viele Fans und auch ein paar Sammler meiner Fotografien über Instagram gewinnen können. Früher war Instagram für mich nicht inspirierend, ich habe eigentlich immer nur ähnliche Fotos von verschiedenen Fotografen gesehen, die Bilder von hübschen Frauen gemacht haben. Seitdem ich wirklich nur Leuten folge, deren Arbeiten ich inspirierend finde, ist es besser geworden. Menschen die als Künstler und für ihre Leidenschaft leben, inspirieren mich und denen folge ich auch sehr gerne, weil ich von ihnen lernen kann und sicherlich auch Parallelen zu meinem Leben finde. Vielmehr suche ich Inspiration nicht auf instagram sondern versuche sie selbst in meinem Alltag zu finden oder in Museen oder bei Ausstellungen. Ich bin mehr von Gemälden oder Skulpturen inspiriert als von Instagram-Bildern. 

Thomas Berlin: Hast du vor, demnächst von der Fotokunst zu leben? Was ist dein derzeitiger Beruf? 

Amiyumi: Ich war letztes Jahr noch mehr als professionelle Fotografin tätig, habe Pferdeaufnahmen die in Büchern oder Zeitschriften veröffentlicht wurden und Hochzeiten und andere Auftragsfotografie gemacht. Das ist und war mein einziges Einkommen neben der künstlerischen Fotografie. Natürlich würde ich gerne nur von meiner künstlerischen Fotografie leben können aber es ist noch ein langer Weg bis dahin. 

Thomas Berlin: Wie verkaufst Du Deine Bilder? Welche Art von Bildern und welche Bildgrößen sind dabei erfolgreich und welche weniger? 

Amiyumi: Meine Bilder gibt es vor allem in 50x60cm als handgefertigte Silbergelatine Abzüge von mir zu kaufen. Ich biete im Moment nur diese Größe an, weil der Arbeitsaufwand für einen Print unabhängig von der Größe eigentlich dieselbe ist, ob’s jetzt 30x40cm oder 50x60cm ist. Ansonsten biete ich auch ab und zu Polaroids an, die verkaufen sich eigentlich immer gut sowie Testprints in unterschiedlichen Größen von meiner Dunkelkammerarbeit. 

Thomas Berlin: Was machst Du in Deiner Freizeit gern? 

Amiyumi: Meine Fotografie bedeutet mir schon extrem viel, früher hatte ich immer sehr viel Zeit, weil ich nicht wusste, was ich machen wollte. Heute ist das nicht mehr so und ich muss mich aktiv dafür entscheiden, Zeit mit etwas zu verbringen, das nichts mit dem Fotografieren zu tun hat. Ich besuche gerne Ausstellungen oder Museen, um andere Künstler zu studieren, gehe gerne in der Natur spazieren, höre Musik, versuche viele Bücher zu lesen und schaue Serien oder Filme am Ende des Tages an, um abschalten zu können (übrigens gibt es einige tolle Filme über berühmte Künstler). Freunde und Familie spielen auch eine große Rolle in meiner Freizeit.

Thomas Berlin: Was sind Deine Pläne für die Zukunft? 

Amiyumi: Ich will weiterhin meiner Fotografie nachgehen und all meine Energie und Zeit darin investieren. Es gibt ein paar Projekte die ich gerne anfangen, weiterführen oder abschließen würde. Schon seit über einem Jahr träume ich davon endlich mal Portraits von Pferden mit meiner Großformatkamera zu machen. Außerdem will ich meine Serie über wilde Blumenwiesen weiterführen und meine Vogelflügelserie vielleicht zu Ende bringen. 

Thomas Berlin: Möchtest Du noch etwas sagen? 

Amiyumi: Wenn man einen Traum hat, dann sollte man um jeden Preis versuchen, ihn in Erfüllung gehen zu lassen. Es mag schwierig sein, frustrierend und zuweilen zweifelt man an allem und es kostet viel Energie. Aber es lohnt sich, denn wenn du was gefunden hast, dem du dein Leben widmen möchtest, ist es das kostbarste überhaupt. Ich möchte niemand sein der denkt “Oh nein, Wochenende ist rum und ich muss wieder am Montag in die Arbeit.” Mein Leben muss für mich außergewöhnlich sein, ich will aufwachen und mich jeden Tag über das freuen, was auf mich zukommt. Ich wünschte mehr Leute hätten den Mut, ihrem Traum nachzugehen und würden sich nicht von anderen Leuten oder Dingen entmutigen lassen. Die Menschen die etwas im Leben geschafft haben, hatten es oft nicht leicht. Das Beste ist nicht einfach zu haben und manchmal scheitert man auch, aber das muss es einem wert sein. 

Thomas Berlin: Amiyumi, vielen Dank!

Amiyumi ist erreichbar auf Instagram. Feedback ist hier willkommen.

Images: © Amiyumi